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Unter Neurodivergenz werden neurologische Varianten wie ADHS, Autismus-Spektrum, Dyspraxie, Dyskalkulie, Tourette oder ausgeprägte Hochsensibilität zusammengefasst [1,2]. Diese Varianten beeinflussen Reizverarbeitung, Kommunikation, Impulskontrolle, Stressregulation und Schmerzempfinden und gehen häufig mit weiteren Komorbiditäten wie chronischen Schmerzen oder dem Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS/Hypermobilität) einher [3,4]. Neurodivergenz ist keine Erkrankung, sondern eine Form neuronaler Vielfalt. Aufgrund der Diagnosekriterien, die sich meist auf die männliche Ausprägung von ADHS und Autismus beziehen, ging man lange davon aus, dass Mädchen und Frauen kaum oder gar nicht betroffen sind. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass dies nicht richtig ist. Mädchen und Frauen bleiben aber noch immer sehr häufig undiagnostiziert, da sie früh lernen, sich anzupassen (Masking). Dies geht jedoch mit einer erheblichen Belastung einher und führt dazu, dass Überreizungen oft nicht oder zu spät erkannt werden [5,6]. Trauma beschreibt die Folge überwältigender Erfahrungen, die das Nervensystem langfristig verändern [7]. Dazu gehören auch wiederholte traumatische Erfahrungen wie Vernachlässigung oder psychischer Missbrauch während der Kindheit (sog. Entwicklungstraumata) [8].
Menschen mit Traumaerfahrungen – ob in Kindheit, medizinischen Kontexten oder durch körperliche oder emotionale Grenzverletzungen – reagieren auf Nähe, Kontrollverlust, eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten, Schmerz sowie Geräusche und Berührungen im Gesichtsbereich deutlich empfindlicher. Viele diese Elemente sind im zahnärztlichen Setting besonders ausgeprägt. Neurodivergenz und Trauma überlagern sich oft [9,10]. Viele neurodivergente Erwachsene haben unerkannte oder bagatellisierte Kindheitstraumata erlebt; viele traumatisierte Menschen entwickeln hochsensible oder neurodivergent wirkende Reaktionsmuster [11]. In der Behandlung zeigen beide Gruppen nahezu identische Stressreaktionen, wodurch in der Praxis eine klare Unterscheidung weder möglich noch notwendig ist.
Grundsätzlich kombiniert der zahnärztliche Kontext für neurodivergente oder traumatisierte Personen mehrere potenzielle Stressoren. Dazu zählen z. B. die körperliche Nähe, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die fehlende Sprachfähigkeit während der Behandlung, unvorhersehbare Geräusche und Berührungen, grelles Licht, potenzieller Schmerz und generell das Setting einer Autoritätssituation. Eine Kombination, die für neurodivergente oder traumatisierte Menschen oftmals überwältigend ist [12,13]. Das Ergebnis: Der sympathische Teil des Nervensystems übernimmt, und selbst einfache Anforderungen können nicht mehr erfüllt werden [14]. Diesen Mechanismus zu verstehen, hilft Praxen, Verhaltensreaktionen nicht als „unkooperativ“, sondern als neurobiologische Stressreaktion zu deuten. Entlastend für neurodivergente und traumatisierte Menschen wirkt eine geeignete Behandlungsumgebung, wie eine aktuelle Umfrage unter 143 neurodivergenten bzw. traumatisierten Patientinnen und Patienten* deutlich zeigt [15].
Belastungsfaktoren in der Praxis
Stress, Reizüberflutung und fehlende Kommunikation sind die häufigsten Belastungsfaktoren in Praxen, so die Umfrageergebnisse. 67,8% der Befragten empfinden Angst oder Stress vor Terminen, nur 4,9% freuen sich auf den Zahnarztbesuch. Diese Zahlen verdeutlichen, wie angespannt viele Patienten bereits vor Betreten der Praxis sind, und wie wichtig eine ruhige, verlässliche Umgebung ist. Viele schildern überdies, dass sensorische Reize von ihnen als besonders schwierig empfunden werden. Darunter fallen insbesondere Geräusche wie Bohrer und Sauger (77,6%), grelle Beleuchtung (60,1%), Gerüche (37,1%), unerwartete Berührungen (37,8%), überfüllte Wartezimmer (53,1%) und lange Wartezeiten (56,6%). Diese Reize sind nicht nur belastend für neurodivergente und traumatisierte Menschen – sie sind für viele Patienten unangenehm und werden häufig als „notwendiges Übel“ hingenommen. Die hohe Relevanz zeigt allerdings: Reizminderung ist ein zentraler Hebel für bessere Versorgungsqualität. 64,3% der Befragten empfinden zudem fehlende oder unklare Informationen als belastend. Für traumatisierte Menschen bedeutet klare Kommunikation Sicherheit, für neurodivergente Menschen Orientierung und für die gesamte Patientenschaft letztendlich Professionalisierung. Es lohnt sich also, hier die eigenen Praxisabläufe zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Die Freitextantworten zeigen eindrücklich, in welchen Bereichen die Kommunikation in der Praxis noch optimiert werden kann.
- „Bitte sagen Sie vorher, was Sie tun.“
- „Ich brauche klare, direkte Sprache, keine offenen Fragen.“
- „Ich muss wissen, wie lange etwas dauert.“
Ein weiteres Phänomen, das bei traumatisierten und neurodivergenten Menschen gehäuft vorkommt, ist ein Paradoxon aus verminderter Schmerzreaktion (Hyposensitivität) und gleichzeitig erhöhter Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie) [16]. Zudem wird der Schmerz häufig atypisch ausgedrückt, was dazu führen kann, dass Behandelnde das Leiden unterschätzen [17,18,19,20]. Dies deckt sich auch mit vorläufigen Ergebnissen einer Interviewstudie am Lehrstuhl für Medizinische Psychologie der Universität Augsburg zu „autistischen Perspektiven auf Schmerzkommunikation im medizinischen Kontext“ [21]. Besonders problematisch wird dies durch eine abweichende Resonanz auf Anästhetika. So weisen z.B. Personen mit EDS häufig eine Lokalanästhetika-Resistenz auf (v.a. Lidocain), weshalb alternative Wirkstoffe (wie Articain) nötig sein können [22,23]. Oft ergibt sich auch ein erhöhter Anästhesiebedarf oder eine verkürzte Wirkungsdauer, dazu kommt das Risiko für paradoxe Reaktionen auf Sedativa (z.B. Unruhe statt Beruhigung) [24,25]. Entsprechend berichten 35,9% der Untersuchungsteilnehmenden, dass Betäubungen wie z.B. die Lokalanästhesie schwächer als erwartet bei ihnen wirken. 43% der Befragten halten generell eine Behandlung nur mit Pausen durch. In Bezug darauf gaben 52,1% an, dass ihr Stoppsignal während der Behandlung immer und vollständig respektiert wurde. Bei 43% funktionierte dies leider nur teilweise, bei 4,9% überhaupt nicht. Dabei sind gerade traumatisierte Patientinnen und Patienten auf verlässliche Abbruchsignale angewiesen. Ein sensibles, transparentes und individuell angepasstes Vorgehen bei Lokalanästhesie und Schmerzmanagement ist daher entscheidend. Auch das Angebot von Alternativen (z.B. Sedierung, Lachgas) wird sehr positiv gesehen. Am wichtigsten ist jedoch, niemals das Schmerzempfinden der Patienten infrage zu stellen. Sätze wie „Das tut nicht weh!“ oder „Sie sind aber empfindlich!“ ruinieren das für die Behandlung erforderliche Vertrauen.
Kooperation stärken
Ein weiterer zentraler Befund der Umfrage ist, dass ein signifikanter Teil der Befragten Zahnarztbesuche vermeidet oder nur im Problemfall wahrnimmt. 18,6% gehen nur bei akuten Problemen zum Zahnarzt, während 20,7% Zahnarztbesuche weitgehend vermeiden oder nur sehr selten gehen. Diese Zahlen sind aus mehreren Gründen hochrelevant, denn seltene Zahnarztbesuche führen zu komplexeren Eingriffen. Wenn Kontrolltermine aus Angst, Überforderung oder schlechten Vorerfahrungen gemieden werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Probleme erst spät entdeckt werden – also zu einem Zeitpunkt, an dem Füllungen größer oder sogar Wurzelbehandlungen notwendig werden, Zähne eventuell gar nicht mehr erhaltbar sind oder chirurgische Maßnahmen erforderlich sind. Gerade für neurodivergente und traumatisierte Patienten bedeutet dies eine paradoxe Dynamik: Je größer ihre Angst, desto größer der Eingriff, desto größer wiederum die Angst vor dem nächsten Termin [26]. Zudem stellt die Zahnhygiene für viele neurodivergente Menschen eine Herausforderung dar. Die wichtigsten Gründe sind sensorische Überempfindlichkeit (Zahnpasta, Bürstengefühl, Geräusche), exekutive Dysfunktion (Routineaufbau fällt schwer), Überforderung im Alltag oder auch Scham aufgrund früherer negativer Rückmeldungen. Dies führt häufig zu Schuldgefühlen – und verstärkt wiederum die Vermeidung [27].
Konkrete Maßnahmen – praxisnah, kostengünstig, sofort umsetzbar
Eine neurodivergenzfreundliche und traumainformierte Praxis kann die zuvor beschriebene Dynamik durch wertfreie Kommunikation, realistische Empfehlungen und positive Verstärkung entscheidend durchbrechen [28]. Der Schlüssel liegt darin, dass sich Betroffene willkommen und verstanden fühlen und sie die Behandlung als vorhersehbar und sicher erleben. Denn die Umfrage zeigt auch klar, wie groß die Bereitschaft zur Kooperation ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Für die langfristige Mundgesundheit dieser Patienten bedeutet dies, mehr Vorsorgetermine wahrzunehmen, eine frühzeitigere Behandlung von Karies oder Entzündungen, eine verbesserte Mundhygiene und insgesamt eine geringere Invasivität der Behandlungen. Davon wiederum profitieren sowohl Patienten als auch Behandelnde gleichermaßen. Zudem würden 88,3% der Befragten eine Praxis, die ihre Bedürfnisse berücksichtigt, weiterempfehlen. Anpassungen hin zu einer neurodivergenzfreundlichen und traumainformierten Praxis nützen daher nicht nur den Betroffenen, sondern der gesamten Patientenschaft und Praxis. Zudem erfordern die meisten dieser Anpassungen keine Investitionen, sondern lediglich Bewusstmachung und Struktur. Eine klare, ruhige und vorhersehbare Kommunikation ist dabei der wichtigste Entlastungsfaktor. Sie schafft Sicherheit und Orientierung in einer Situation, die sonst schnell überwältigend wirkt, und kann zudem das Praxisteam entlasten.
Da neurodivergente und traumatisierte Patienten sensorische Eindrücke oft intensiver und ungefilterter wahrnehmen, ist eine bewusste Reduktion von Licht-, Geräusch- und Geruchsreizen ein weiterer wirksamer Weg, um Stress zu senken und eine sichere, ruhigere Behandlungsatmosphäre zu schaffen. Einfache, aber effektive Maßnahmen können sein, das Licht zu dimmen, die OP-Lampe erst bei Bedarf einzuschalten, das Radio auszuschalten oder sehr leise zu stellen, Türen zu schließen, stark riechende Materialien nur mit Vorwarnung einzusetzen, Sonnenbrillen anzubieten oder sogar Kopfhörer bzw. Ohrstöpsel bereitzustellen. Insbesondere für Menschen mit Traumaerfahrungen oder sensorischer Überempfindlichkeit sind zudem wie erwähnt unerwartete oder nicht medizinisch notwendige Berührungen stark belastend. Was gut gemeint ist (z.B. eine Hand auf der Schulter zur Beruhigung), wird oft als Übergriff wahrgenommen und kann Stressreaktionen auslösen, Dissoziation oder Freezing verstärken, Misstrauen gegenüber dem Behandlungsteam erhöhen und/oder den Eindruck von Kontrollverlust verstärken.
Die Umfrage zeigt, dass unerwartete Berührungen von vielen Betroffenen als Trigger wahrgenommen werden (37,8% nannten dies explizit als Belastungsfaktor). Daher gilt: Berührungen nur dort und dann einsetzen, wo sie medizinisch notwendig sind. Zudem sollten die Hände grundsätzlich sichtbar sein (nie von hinten berühren) und jeder Körperkontakt vorher angekündigt und erklärt werden („Ich berühre gleich Ihre Wange, um XY besser sehen zu können.“). Für viele traumatisierte Menschen ist der Kopf-, Schulter- und Rückenbereich besonders sensibel, da Berührungen hier intuitiv als grenzverletzend empfunden werden können. Sensorisch empfindliche (z.B. autistische) Patienten erleben unerwartete Berührungen häufig sogar als Schmerz[29,30]. Durch bewussten Umgang mit Körperkontakt entstehen mehr Sicherheit, Vertrauen und Vorhersagbarkeit – und dies wiederum verbessert die Kooperation und Entspannung der Patienten während der Behandlung. Entscheidungen sollten außerdem soweit möglich nicht über die Patientin oder den Patienten hinweg getroffen werden. Denn selbst kleine Wahlmöglichkeiten (z.B. „Lieber Sonnenbrille oder Licht reduzieren?“, individuelle Vereinbarungen zu Pausen etc.) erhöhen das Gefühl von Kontrolle und reduzieren somit Stressreaktionen.
Durch eine gut strukturierte Termin- und Ablaufplanung lassen sich zudem viele Belastungsfaktoren – insbesondere Wartezeiten, Geräuschpegel und unvorhersehbare Situationen – deutlich reduzieren. Hilfreiche organisatorische Maßnahmen sind z.B. kurze Wartezeiten, die Option, beim Ersttermin nur zu besprechen und nicht zu behandeln, die Patienten im Behandlungsraum statt im Wartezimmer warten zu lassen, neue Termine direkt vor Ort oder über ein Onlinetool zu vergeben und Terminerinnerungen per SMS anzubieten. Vor allem ADHS-Patienten profitieren von Letzterem besonders, es hilft aber generell, Terminausfälle bzw. verspätetes Erscheinen zu reduzieren. Ein möglichst gleichbleibendes Behandlungsteam vermittelt überdies Vorhersagbarkeit und Vertrauen – zwei zentrale Faktoren, die sowohl neurodivergente als auch traumatisierte Patienten benötigen, um sich sicher zu fühlen und kooperativ bleiben zu können. Zusätzlich ist es wichtig, neue Personen vorzustellen. Eine Selbstverständlichkeit sollten zudem ruhige Umgangsformen sein. Leider berichteten die Befragten teils von sehr rauem Umgangston zwischen Behandlern und Assistenzkräften, was in der Regel dazu führte, dass diese Praxis danach nicht mehr aufgesucht wurde. Auch ein Team, das stets hektisch und gestresst wirkt, trägt dazu bei, dass die Praxis gemieden wird. Gerade für traumatisierte Menschen ist ein konsistentes Team, das ruhig und freundlich miteinander umgeht, ein entscheidender Sicherheitsfaktor.
Fazit
Eine Zahnmedizin, die Vielfalt berücksichtigt, ist eine bessere Zahnmedizin für alle. Neurodivergente und traumatisierte Patienten bilden keine kleine Randgruppe – sie sind ein relevanter Teil der Bevölkerung und begegnen Zahnärztinnen und Zahnärzten täglich – oft ohne es anzusprechen. Die Umfrage zeigt klar: Ihre Bedürfnisse sind nachvollziehbar, realistisch und ohne großen Aufwand umsetzbar. Gleichzeitig steigert eine Praxis, die neurodivergenz- und traumafreundlich arbeitet, ihre Behandlungsqualität insgesamt. Denn was diese Patienten brauchen – Transparenz, Ruhe, Respekt, klare Kommunikation, Sicherheit und Vorhersehbarkeit – entspricht den fundamentalen Prinzipien moderner, patientenzentrierter Zahnmedizin.
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