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Unter dem Motto „Gemeinsam für Gesundheit und Zahnerhalt“ stand der fachübergreifende Austausch im Mittelpunkt. Besonders deutlich wurden die Schnittstellen zwischen Endodontologie und Parodontologie bei der Behandlung von Endo-Paro-Läsionen sowie dentalen Traumata. Ein weiterer zentraler Aspekt der Tagung war die Betrachtung systemischer Zusammenhänge zwischen oraler und allgemeiner Gesundheit. Dabei wurden sowohl Wechselwirkungen als auch potenzielle Risiken für zahnmedizinische Therapien diskutiert. Ergänzend dazu bot das Programm Einblicke in weitere aktuelle Entwicklungen, etwa neue diagnostische Ansätze.
Dentales Trauma: komplexe Herausforderung
Das dentale Trauma ist weltweit die fünft häufigste Verletzung. Sie ist endodontologisch-parodontologisch komplex und bedarf einer präzisen Diagnostik und Therapie, um Komplikationen zu vermeiden. Dr. Eva Dommisch stellte das Management der endodontischen, parodontalen und restaurativen Folgen vor.
Grundlage der Therapie bildet die aktuelle S2k-Leitlinie zur Behandlung dentaler Traumata bleibender Zähne [1]. Für die strukturierte Befunderhebung empfahl die Referentin den gemeinsamen Befundbogen von DGET und DGZMK [2]. Die bildgebende Diagnostik umfasst je nach Indikation intraorale Aufnahmen, Okklusalaufnahmen, Panoramaschichtaufnahmen sowie gegebenenfalls dreidimensionale Verfahren.
Anhand klinischer Fallbeispiele wurden therapeutische Strategien verdeutlicht: Die extrusive Dislokation erfordert, wie im Fallbeispiel einer Kunstturnerin zu sehen war, das vorsichtige Reponieren und flexible Schienen. Zudem sollte bei abgeschlossenem Wurzelwachstum eine Wurzelkanalbehandlung eingeleitet werden, um Komplikationen wie Pulpanekrosen und Wurzelkanalobliterationen zu vermeiden.
Bei intrusiven Dislokationen mit geschlossenem Apex wird ab einer Dislokation von mehr als 2 mm eine zeitnahe endodontische Therapie innerhalb der ersten Woche empfohlen. Gleichzeitig ist eine Reposition und Schienung notwendig.
Bei Zähnen mit offenem Apex kann hingegen – je nach Ausmaß der Intrusion – zunächst eine spontane Reeruption abgewartet werden (3-mm-Regel). Bei stärkerer Dislokation sind kieferorthopädische oder chirurgische Maßnahmen erforderlich.
In vielen Fällen – insbesondere bei Intrusionen, ausgeprägten Extrusionen, lateralen Dislokationen (> 2 mm) sowie Avulsionen – ist eine frühzeitige Wurzelkanalbehandlung indiziert. An einem Fallbeispiel wurde zudem deutlich, wie entscheidend eine korrekte Erstversorgung ist: Eine Zahnrettungsbox kann die Prognose einer Replantation erheblich verbessern. Entsprechend wichtig ist die Aufklärung der Bevölkerung, etwa durch die Kampagne der Fachgesellschaft „Rette deinen Zahn“ [3].
Engmaschige Nachkontrollen sind essenziell, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Zudem wurde der Aufbau regionaler Traumanetzwerke empfohlen.
Annette Schrader / DG PARO
Annette Schrader / DG PAROWelche Folgen Verletzungen für Parodont und Endodont haben, stellte Prof. Matthias Widbiller (Regensburg) in seinem Vortrag dar und lieferte damit sowohl die Bedingungen, unter welchen Therapie erfolgreich sein kann als auch die Erklärung für Komplikationen, die möglicherweise aus einem Trauma resultieren. Beispielsweise können Schäden an der schützenden Zementschicht des Zahnes zu einer Wurzelresorption führen oder zur Ankylose. Wurzel-Resorptionen sind eine häufige Folge von Intrusionen. Entscheidend für regenerative Prozesse ist die gezielte Steuerung von Zellmigration bei gleichzeitiger Vermeidung mikrobieller Kontamination.
Diese Prinzipien greifen auch bei der biologisch basierten endodontischen Revitalisierung, die Prof. Kerstin Galler (Erlangen) vorstellte. Ziel ist es, durch induzierte Einblutung aus dem periapikalen Geweben in den zuvor desinfizierten Wurzelkanal ein Blutkoagel zu generieren, das als Matrix für das Einwachsen von reparativem Gewebe dient. Indiziert ist dieses Vorgehen ausschließlich bei bleibenden Zähne mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum und Pulpanekrose, mit oder ohne apikale Parodontitis. In diesen Fällen hat die Methode laut Prof. Galler gute Erfolgsaussichten. In den aktuellen Endodontie-Leitlinien hat die Regeneration eine offene Empfehlung erhalten [4]
Noch wesentlich weiter „out of the box“ gedacht, erscheint die experimentelle Behandlungsmethode der Autotransplantation, die Dr. Dick Barendregt aus Rotterdam mitbrachte. Dabei werden Zähne in Bereiche mit ausgeprägtem Knochenverlust transplantiert, um regenerative Prozesse zu initiieren. Das regenerative Potenzial des intakten Parodontalen Ligaments der verpflanzten Zähne reiche aus, so der Referent, um verloren gegangenes Gewebe und Knochen wieder aufzubauen.
Parodontitis, Endodontie und Allgemeingesundheit
Ein Schwerpunktthema des Kongresses waren die Zusammenhänge von Parodontologie, Endodontie und Allgemeingesundheit. Die Professoren Dörfer und Schäfer beleuchteten die neuere Studienlandschaft. Es war festzustellen, dass es zu diesem wissenschaftlich intensiv bearbeiteten Thema durchaus Neues gibt.
Prof. Christof Dörfer (Kiel) präsentierte eine Liste der Erkrankungen, zu der Parodontitis nach dem gegenwärtigen Stand „solide“ Assoziationen hat. Dazu gehören u.a. Endokarditis, Koronare Herzerkrankung, Schlaganfall, Atherosklerose, Diabetes mellitus, Adipositas und Endometriose, Gastritis/Befall mit Helicobacter pylori, Osteoporose, Rheumatoide Arthritis, Maligne Tumorerkrankungen sowie Neurodegenerative Erkrankungen.
Annette Schrader / DG PARO
© Foto Annette Schrader / DG PARO
Annette Schrader / DG PAROEin wechselseitiger Zusammenhang impliziert, dass eine Parodontitistherapie die bestehende Allgemeinerkrankung positiv beeinflusst. Prof. Dörfer stellte fest, dass dies bei Gastritis durch Infektion mit Heliobacter pylori der Fall sei. Denn eine adjunktive Parodontitistherapie in zeitlichem Zusammenhang hilft die bakterielle Neubesiedelung zu vermeiden; Effektivität und Langzeiterfolg der Therapie werden verbessert und das Risiko für das Wiederauftreten reduziert sich [5,6]. Die gesichertere Studienlage hinsichtlich Diabetes Mellitus und Parodontitis spiegelt sich in einem aktuellen Review wider, das eine starke Absenkung des HbA1c- und CRP- Wertes nach Parodontitistherapie feststellt. Dieser Effekt ist stärker als der einer gängigen medikamentösen Zweittherapie [7]. Für neurodegenerative Erkrankungen wird ein Zusammenhang mit Parodontitis diskutiert, die Evidenz ist jedoch bislang begrenzt [8].
Auch die Endodontie trägt zur systemischen Gesundheit bei, wie Prof. Edgar Schäfer (Münster) darlegte. Studien zeigen, dass erfolgreiche Wurzelkanalbehandlungen das Level an Entzündungsmarkern senken kann, die mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert sind [9]. Zudem wurden metabolische Veränderungen bei Patienten mit apikaler Parodontitis nach erfolgreicher Therapie nachgewiesen [10].
Neue Wege in der Parodontitisdiagnostik durch KI
Wie in alle Bereiche der Zahnmedizin hält die KI auch in der Parodontologie und der Endodontie Einzug. Prof. Dr. Clemens Walter (Berlin) zeigte die disruptive rasante Entwicklung und enormes Potential digitaler KI-gestützter Verfahren in der Diagnostik auf.
Beispielsweise kann die KI bereits eine Diagnostik nach aktueller Klassifikation, also dem Staging und Grading, auf der Basis eines Panoramaröntgenbildes durchführen [11] und auch der Dentale Plaqueindex nach O’Leary kann schon automatisiert mittels KI erhoben werden [12].
Annette Schrader / DG PAROFazit
Der Gemeinschaftskongress zeichnete sich durch die hochkarätige Besetzung der beiden Themenbereiche aus. Die Referenten breiteten aktuelle Evidenz sowie spannende Fälle aus der Praxis aus und gaben so manchen Blick über den Tellerrand frei.
Bilder: © Foto Annette Schrader / DG PARO
Autor: Dagmar Kromer-Busch
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