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„Eins, zwei, drei einatmen, eins, zwei, drei ausatmen. Versucht, euren eigenen Rhythmus zu finden.“ Wir gehen vorsichtig über herab gefallene Blätter und Äste, über weiche Moosteppiche entlang des Connbächli. Zur frühen Stunde sind wir mit Direktorin Sandra Schmidt vom Schweizerhof zum Waldbaden unterwegs. Nur wenige Schritte hinter dem Hotel am Ortsrand von Flims, im Schweizer Kanton Graubünden, geht es in den herbstlich gefärbten Wald. Ein Bad in der Atmosphäre des Waldes zu nehmen, so Shinrin Yoku, sei eine Erholungsart, die in Japan bereits seit fast 50 Jahren bekannt ist. Waldbaden hat auch bei uns viele Anhänger gefunden.
Zu spüren, wie fühlt sich Rinde an, wie riecht Moos oder vermoderndes Holz, diese Eindrücke sind allzu schnell vergessen im oft von Stress geprägten Berufsleben. Längst ist durch Studien erwiesen, dass regelmäßiges Waldbaden Depressionen entgegenwirkt. Es stärkt das Immunsystem und soll sogar vor weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten schützen. Das liegt unter anderem an den von Bäumen verströmten Terpenen. Eigentlich soll der Stoff nützliche Insekten auf Schädlingsbefall aufmerksam machen oder andere Bäume warnen, chemische Schutzmechanismen hochzufahren, wenn Fressfeinde ihre Umgebung unsicher machen. Dieses Kommunikationssystem unter Pflanzen kommt mit anderen Auswirkungen ebenso Menschen zugute. Beruhigend ist auch das Plätschern des Conn-Bächleins, das uns beim Rundgang begleitet. Der historische Bewässerungskanal, über den sich nicht nur Kinder freuen, ist noch gut erhalten. Nach ausgiebigem Waldbaden genießen wir erstmal das abwechslungsreiche Frühstücksbuffet im Hotel.
Es begann vor über 100 Jahren…
„Ja, eigentlich fing alles mit einem Kartenspiel im Jahr 1869 in der Wirtschaft der kleinen Pension Segnes an, im alten Waldhaus-Flims“, meint Sandra Schmidt schmunzelnd, als sie den Werdegang des 4* Romantikhotels schildert, welches sie und ihr Mann Christoph in vierter Generation führen. „Nachdem einer kinderlosen Witwe beim „Jassen“ ihr Eigentum unter den Einheimischen versteigert wurde, investierte man den Erlös in Beherbergungsbetriebe. Einer davon ist der heutige Schweizerhof.“ Wo das Hotel heute steht, befand sich einst ein großer Felsen mit Aussichtsbank. Es heißt, die Urgroßeltern der jetzigen Besitzer, Mengia Candrian mit Mann Daniel Schmidt haben dort Händchen haltend gesessen, von einem Hotel träumend. Genau an dieser Stelle sollte ihr Traum stehen. Die Sprengung des Felsen machte Platz für das gewünschte Gebäude.
Im Jahre 1903 wurde der Schweizerhof eröffnet. Gab man sich anfänglich mit Petroleumlampen und Kerzen zufrieden, brachte das 1904 installierte elektrische Licht einen enormen Fortschritt. Zwei Jahre später entstanden als Dependancen in der Nachbarschaft Villa Helvetia und Gentiana. Seine Hoch-Zeit hatte das Hotel vor dem Ersten Weltkrieg. Berühmte Persönlichkeiten wie Albert Einstein oder Kaiserin Zita logierten hier und genossen Gastfreundschaft und ein glamouröses Gesellschaftsleben.
Stundenlang könnte man den Episoden aus der Vergangenheit lauschen. Übrigens schrieb Mengia selbst bis ins hohe Alter von 90 Jahren in zierlicher Handschrift die Menükarte. Trotz diverser Um- und Neubauten hat das Hotel seinen Namen behalten. In modernen Übungsräumen werden Yoga-Kurse veranstaltet. Immer mit Blick in den Park. Sterngucker machen es sich auf der Dachterrasse bequem. Und im dazu gebauten Badehaus befinden sich ein Schwimmbad und Behandlungsräume für verschiedene Massagen.
Eine Naturkatastrophe mit Folgen
Seine Vielfältigkeit verdankt der Flimser Wald einem Ereignis, das vor über 9000 Jahren am Ende der Eiszeit stattfand. Ein Felssturz von gigantischem Ausmaß, man spricht von ca.10 Kubikkilometer Kalkfels – das wären bildlich gesprochen ca. 13 Matterhörner –donnerten vom Flimserstein in die Tiefe und verschütteten den südlich vorbeifließenden Fluss, den heutigen Rhein. Der aufgestaute See reichte von Ilanz bis über Tavanasa hinaus. Mit der Zeit schufen Kräfte der Natur einen eigenen Abfluss und hinterließen hoch aufragende Felswände. Heute zieht die Rheinschlucht, sie nennt sich auch Grand Canyon der Schweiz, mit ihren steilen, bizarren, weißen Kalkwänden viele Besucher an. Von der Aussichtsplattform „Il Spir“ ist das Naturwunder besonders gut zu sehen. Auf bequemem Weg ist sie innerhalb einer Stunde vom Schweizerhof erreichbar.
Einen Perspektivenwechsel bietet die Fahrt mit der Rhätischen Bahn tief unten, den Fluss entlang. Mit diesem Zug fahren Touristen mehrmals täglich der Rheinschlucht entlang. Sie blicken staunend zu den vorbeiziehenden, bis zu 400 Meter hohen Schluchtenwänden hinauf. Ein Mann im isolierenden Neoprenanzug setzt sein rotes Kajak vorsichtig ins Wasser. Geschickt fädelt er sich in die enge Öffnung des Bootes ein. Ein paar Paddelschläge, und er passt sich der Strömung des Wassers an.
Im Wald hat der Felssturz ebenso seine Spuren hinterlassen. Dank dem durch Geröll unwegsam gewordenen Gelände lässt er sich nicht gewinnbringend bewirtschaften. Ein Einsatz schwerer Maschinen ist nicht möglich. Buchen, Birken, Tannen, Fichten bilden zwischen mit Moos und Flechten überwachsenen Felsblöcken eine artenreiche Gemeinschaft. Zudem schufen die beiden Bäche Flims und der Laaxerbach bei ihrem Weg durch das Steingewirr wunderbare Waldseen, wie auch den Caumasee, im Sommer ein beliebter Badesee, indem schon Friedrich Nietzsche gerne schwamm.
Kein Wunder, dass Teile dieser Region zum UNESCO-Weltnaturerbe gehören. Die Tektonikarena Sardona liegt im Grenzgebiet der Kantone Graubünden, Glarus und St. Gallen und erlaubt weltweit einzigartige Einblicke in die Entstehung der Alpen. Außergewöhnlich gut sichtbar sind Überschiebungen, die dazu führten, dass jüngeres Gestein über älterem zum Liegen kam.
Hinauf zwischen die Baumwipfel
Beim Blick in die Tiefe könnte es nicht ganz Schwindelfreien schon etwas mulmig werden. Doch der breite Weg und die ihn begleitenden Baumkronen vermitteln Geborgenheit. Der mit 1,56 Kilometern wohl längste Baumwipfelpfad der Welt befindet sich in der Ferienregion Laax/Flims. Spannend geht es in 28 Meter Höhe auf dem Senda dil Dragun zu, wie er rätoromanisch genannt wird. Mehrere Plattformen ermöglichen Aussicht auf die beeindruckende Bergwelt. Vom Turm Murschetg führt eine Rutschbahn auf einem Teppich durch eine silberne Röhre mit Tempo in die Tiefe. Aber nicht nur Nervenkitzel wird geboten. Zahlreiche Stationen auf dem Weg informieren mit interessanten Geschichten über den Wald und seine Bewohner.
Beim Abendessen im Schweizerhof brennen wieder Kerzen an unserem Tisch. Die Menükarte schreibt nicht mehr Mengia in zierlicher Schrift. Aber die in der ideenreichen Küche zubereiteten Speisen werden heute wie schon immer von anspruchsvollen Gästen genossen.
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