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Prof. Wölber zeigte sich mit der Entwicklung der jungen Fachgesellschaft sehr zufrieden: Derzeit zählt sie 53 Mitglieder, und erste Arbeitsgruppen befinden sich im Aufbau. Ziel der Gesellschaft sei es, bei Zahn- und Ernährungsmediziner*innen ein stärkeres Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Zahnmedizin und Allgemeinmedizin zu schaffen. Die Ernährungszahnmedizin solle künftig fester Bestandteil der zahnärztlichen Praxis werden und im Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen angemessen berücksichtigt sein. Das Wissen über die Zusammenhänge von Mundgesundheit und Ernährung sollte bereits in Kitas Eingang finden. Darüber hinaus engagiert sich die DGEZM in der Weiterbildung. Zur Aufklärung der Zahnärzteschaft konnte sie bereits mit Handreichungen beitragen: einer gemeinsamen Stellungnahme mit der Bundeszahnärztekammer zu Ernährungszahnmedizin und Mundgesundheit und einer gemeinsamen Stellungnahme mit der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin zur gesundheitlichen Bewertung von Zucker, Zuckerersatz- und Zuckeraustauschstoffen in der Zahnmedizin.
Den Festvortrag zum Tagungsthema „Evolution, Ernährung und Mundgesundheit“ hielt Prof. Dr. Dr. Kurt W. Alt (Krems). Der Spezialist für Dentalanthropologie forscht schwerpunktmäßig in der Humanbiologie und Bioarchäometrie. Für seine herausragenden Verdienste in der interdisziplinären Erforschung der Menschheitsgeschichte erhielt Prof. Alt kürzlich die Ehrenmedaille der DGZMK. In seinem Vortrag warf er einen Blick weit zurück in die Evolutionsgeschichte – ein Vorgehen, das laut Wölber hilft, die eigene Position einzuordnen und zu unterscheiden, was lediglich Trend und was gesundheitlich tatsächlich zuträglich ist.
Lernen aus prähistorischen Erfahrungen
Prof. Alt zeichnete die Entwicklung von Kiefer und Zähnen über rund 400 Millionen Jahre nach – von frühen Panzerfischen (Placodermi) über Wirbeltiere im Wasser und an Land bis hin zu Primaten. Anschaulich erläuterte er, wie eng Ernährungsweisen, ökologische Bedingungen und die morphologische Entwicklung des Kauapparates miteinander verknüpft sind. Bei den Primaten spielte die Ernährungsanpassung an saisonale Ressourcen eine wichtige Rolle. Zugleich machte Alt deutlich, dass der Mensch weiterhin Teil dieses Evolutionsprozesses ist – sich jedoch in einer „Evolutionsfalle“ befinde.
So sei im Anthropozän ein Mismatch zwischen biologischer Herkunft und „neokulturellem Lifestyle“ entstanden. Die hochverarbeitete Ernährung westlicher Industrieländer mache krank, senke die Fertilität, erhöhe die Morbidität und trage zur Mortalität bei. Zusätzlich verschärfe Bewegungsmangel diese Problematik. Alt vertritt die These, dass rund 90 Prozent der „Zivilisationskrankheiten“ – darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Allergien, Diabetes, Depressionen, Bronchitiden und orale Pathologien – ernährungs- und bewegungsbedingt seien.
Um diesen Faktoren in der Medizin Rechnung zu tragen, fordert Prof. Alt eine Evolutionäre Medizin (EM), die sich mit tieferen Ursachen für Zivilisationserkrankungen beschäftigt. EM hat eine Fundierung in der Evolution, arbeitet integrativ und transdisziplinär und bezieht Biologie, Umwelt und Verhalten mit ein.
Mittels Zuckersteuer gemeinsamen Risikofaktor angehen
Dr. Anja Heilmann, London, sprach unter dem Titel „Warum Deutschland eine Zuckersteuer braucht“ über die Einführung der Zuckersteuer im Vereinigten Königreich und deren gesundheitliche Effekte.
Zucker ist ein zentraler Faktor bei der Entstehung von Karies. Eine WHO-Studie [1] untersuchte den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Karies und führte 2015 zu neuen Empfehlungen [2]: Höchstens 10 % der täglichen Energiezufuhr sollten aus Zucker stammen, besser wären weniger als 5 %. Während die UK die strengere Unter-5-%-Empfehlung übernahm, orientiert sich Deutschland in Konsensuspapieren zu Adipositas, Diabetes und Ernährung meist an der 10 %-Grenze, kritisierte die Referentin.
Zucker begünstigt nicht nur Karies, sondern auch Parodontitis. Darüber hinaus weist eine robuste Studienlage Zucker als einen Risikofaktor für Allgemeinerkrankungen aus, wie Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Dr. Heilmann betonte, dass Gesundheit in Lebenswelten stattfinde: Die alltägliche Umgebung müsse gesunde Entscheidungen einfach machen. Der Blick auf die geringen WHO-Ausgaben für Prävention im Vergleich zu den massiven Werbeausgaben der Lebensmittelindustrie für fett- und zuckerreiche Produkte zeige jedoch das Gegenteil. Besonders problematisch seien Produkte, die gezielt an Kinder vermarktet werden.
Mehr als 50 Länder haben inzwischen eine Zuckersteuer eingeführt. Die UK setzte sie 2016 als Teil der „Childhood Obesity Strategy“ um, um kindliches Übergewicht zu reduzieren. Die Steuer ist als gestaffelte Herstellerabgabe konzipiert:
≥ 8 g Zucker/100 ml: 24 Pence
≥ 5 g Zucker/100 ml: 18 Pence
≤ 5 g Zucker/100 ml: keine Abgabe
Ausgenommen sind Milchprodukte, Fruchtsäfte und Getränke kleiner Hersteller.
Die Ankündigung der Regelung sollte Hersteller bewegen, Produkte umzuformulieren, wozu sie 2 Jahre lang Zeit hatten und diese tatsächlich nutzten. Evaluierungsstudien zufolge war bis Februar 2019 der Anteil der Getränke über dem unteren Abgabenlevel um 34% gefallen. Dabei habe die Industrie keine Umsatzeinbußen erlitten. Gleichzeitig profitierte die Bevölkerung, insbesondere Kinder, gesundheitlich: Die Häufigkeit von Krankenhausaufnahmen zur Zahnextraktion aufgrund von Karies sank knapp zwei Jahre nach Einführung der Steuer um 12 % [3].
Auch für Deutschland prognostizieren Modellrechnungen gesundheitliche Vorteile [4] sowie Einsparungen im Gesundheitssystem [5]. Prof. Wölber befürwortet daher die Einführung einer Zuckersteuer in Deutschland ausdrücklich. Sie steht bereits auf der Agenda der DGEZM.
Zum Abschluss des Vortragsprogramms richteten Vertreter der Sportmedizin und Sportzahnmedizin – Robert Erbeldinger (Mainz) und Dr. Marcus Striegel (Nürnberg) – Grußworte an die DGEZM.
Man darf gespannt sein, inwieweit die Agenda der DGEZM bis zur nächsten Jahrestagung umgesetzt werden kann und damit das Bewusstsein für die Bedeutung der Ernährung für unsere Gesundheit im Bereich der Zahnmedizin an Boden gewinnt.
Zur Vertiefung des Themas:
Verschiedene Beiträge von Prof. Johan Wölber zu Ernährung und Zahngesundheit sind online in der Dentalwelt abrufbar. Kann man diese verlinken oder erscheinen sie automatisch?? Wie sich eine zahngesunde Ernährung konkret und schmackhaft umsetzen lässt, zeigen Prof. Dr. Christian Tennert und Prof. Dr. Johan Wölber in ihrem Kochbuch „AL Dente“. Die Rezepte sind frei von zugesetztem Zucker und Weißmehl und setzen auf ballaststoffreiche, nährstoffdichte Zutaten – von herzhaften Hauptgerichten bis zur zuckerfreien Nachspeise.
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