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Führung wird als maßgebliche Komponente innerhalb der Praxisgründung häufig unterschätzt. Die fachliche Qualifikation ist hervorragend. Das zahnmedizinische Wissen ist auf höchstem Niveau. Doch kaum jemand hat im Studium gelernt, wie Menschen geführt, Teams entwickelt oder Konflikte gelöst werden. Doch genau dieser Punkt ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren einer Zahnarztpraxis. Denn man kann nicht nicht führen! Ob man es bewusst tut oder nicht, spielt keine Rolle. Ihr Team orientiert sich jeden Tag an Ihrem alltäglichen Verhalten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Sie führen, sondern welche Ergebnisse Ihre Führung erzeugt. Genau darin liegt die Chance. Führung ist keine angeborene Eigenschaft. Führung ist ein Entwicklungsprozess. Sie lässt sich lernen, reflektieren und kontinuierlich verbessern.
Viele jüngere Gründerinnen und Gründer bringen hervorragende Voraussetzungen für moderne Führung mit. Sie kommunizieren offener, legen Wert auf Beziehungen und interessieren sich stärker für die Perspektive ihrer Mitarbeitenden, als dies noch in den vorangegangenen Generationen der Fall war. Gleichzeitig formulieren sie ihre Erwartungen häufig klarer. Diese Eigenschaften bilden eine ausgezeichnete Grundlage. Dennoch reicht eine gute Haltung allein nicht aus. Auch moderne Führung benötigt Struktur, Orientierung, ein klares System und gegebenenfalls auch die klare Antwort darauf, wer in das „Zukunftsteam“ gehört oder auch nicht.
Das Praxisentwicklungsmodell: Führung aus sechs Perspektiven
Im Alltag hat sich ein Praxisentwicklungsmodell (Abb. 1) besonders bewährt, das gleichzeitig als Führungsmodell verstanden werden kann. Die zentrale Erkenntnis lautet: Führung besteht nicht ausschließlich aus Mitarbeitergesprächen. Führung hat viele Facetten und Perspektiven, die man selbst positiv wie negativ beeinflussen kann. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Unternehmenszweck und damit der Nutzen für Ihre Patientinnen und Patienten. Jede dieser Perspektiven beeinflusst, ob eine Praxis langfristig erfolgreich arbeitet.
Diehr- Praxisstrategie: Geben Sie Orientierung
Menschen benötigen Orientierung; das gilt besonders in Zeiten von Veränderungen. Ihre Mitarbeitenden möchten wissen, wohin sich die Praxis entwickelt. Welche Ziele verfolgen Sie? Welche Werte sind Ihnen wichtig? Welche Art von Praxis möchten Sie gemeinsam aufbauen? Viele Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber sprechen dabei zu wenig über ihre Zukunftsvorstellungen. Indem Sie diese für sich selbst und Ihr Team gut formulieren, bauen Sie einen motivierenden Zukunftsrahmen auf. Sprechen Sie regelmäßig über die Zukunft Ihrer Praxis. Feiern Sie dabei auch alltägliche Erfolge wie gute Behandlungsergebnisse und Lob von Patienten. Machen Sie deutlich, worauf Sie stolz sein möchten. Menschen folgen einer überzeugenden Zukunft deutlich lieber als einer To-do-Liste.
- Finanzen: Zahlen schaffen Klarheit
Im privaten Alltag akzeptieren wir selbstverständlich, dass wir uns über Kennzahlen steuern. Unsere Uhren oder Gesundheitsringe zeigen uns, wo wir persönlich stehen. Im Praxisalltag verzichten viele Zahnärzte und Zahnärztinnen dagegen auf eine vergleichbare Transparenz. Dabei lassen sich Zahnarztpraxen sehr gut mit Kennzahlen steuern. Wenn wir z. B. wissen, wie hoch das Honorarziel in der Prophylaxe ist, und wir es nicht erreichen, können wir daraus Handlungsmaßnahmen ableiten. Entscheidend ist dabei die richtige Auswahl. Neben der Finanzbuchhaltung liefern insbesondere die Praxissoftware und ein professionelles Controlling wertvolle Informationen.
Wichtige Kennzahlen sind dabei:
- Honorar je Behandlerin oder Behandler
- Fallwerte / Auslastung / Terminvorlauf
- Prophylaxequote / Privatanteil
- Personalkostenquote
Das Führen über Zahlen sorgt für Transparenz und Klarheit in der Zielerreichung, denn immer wieder zeigt sich im Alltag, wie irreführend das eigene Bauchgefühl sein kann. Wer seine Praxis regelmäßig anhand aussagekräftiger Kennzahlen betrachtet, erkennt Entwicklungen frühzeitig und kann aktiv steuern.
- Selbstführung: Die wichtigste Führung beginnt bei Ihnen selbst
Selbstführung ist die Grundlage jeder erfolgreichen Führung und beginnt lange, bevor Sie andere Menschen führen. Als Praxisinhaberin oder Praxisinhaber geben Sie täglich Orientierung, treffen Entscheidungen und tragen Verantwortung – oft unter hoher Belastung und mit vielen gleichzeitigen Anforderungen. Deshalb ist es entscheidend, sich bewusst mit der eigenen Arbeitsweise auseinanderzusetzen: Wie gehen Sie mit Stress um? Welche Aufgaben gehören wirklich zu Ihrer Kernkompetenz, und wo sollten Sie konsequent delegieren? Viele Gründerinnen und Gründer verlieren wertvolle Zeit in Tätigkeiten, die keinen direkten Beitrag zum Praxiserfolg leisten. Effektive Selbstführung bedeutet daher, den eigenen Fokus klar auszurichten und die eigene Energie gezielt dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen stiftet – in der Behandlung, der Diagnostik, der Therapieplanung und in der aktiven Führung Ihrer Praxis.
Sie sind Vorbild – und Mitarbeiter folgen Vorbildern: Daher sind eine gute eigene Performance und ein positiver Umgang mit Ihren Patienten essenziell. Nach außen müssen Sie Ihr Team schützen, auch vor unangenehmen Patienten, und nach innen fordern und fördern.
- Organisation: Gute Systeme entlasten Menschen
Ein zentrales Element moderner Führung ist das Führen über Organisation und klare Abläufe – also Führen mit System. Es handelt sich dabei um ein äußerst wirkungsvolles Führungsinstrument, das Ihre tägliche Arbeit spürbar erleichtert und Ihr Team entlastet. Entscheidend sind strukturierte Prozesse wie eine durchdachte Patientenvorbereitung sowohl in der Verwaltung als auch im Behandlungszimmer, die konsequente Nutzung der EDV mit definierten Leistungskomplexen und Textbausteinen sowie zum Beispiel das Arbeiten mit einem klar organisierten Tray-System. Ebenso wichtig ist, dass Arbeitsanleitungen – beispielsweise zu Hygienestandards – dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden, und von allen Mitarbeitenden jederzeit abgerufen werden können. Eine effiziente Terminierung rundet das System ab. Denn viele vermeintliche Führungsprobleme sind in Wahrheit Organisationsprobleme: Fehlen klare Abläufe, entstehen Rückfragen. Fehlen Standards, entstehen Fehler. Fehlen Verantwortlichkeiten, entstehen Konflikte. Eine gute Organisation reduziert Unsicherheit und schafft Orientierung. Je besser Ihre Prozesse funktionieren, desto weniger müssen Sie im Alltag eingreifen. Systeme ersetzen keine Führung, sie machen gute Führung jedoch deutlich einfacher.
- Direkte Mitarbeiterführung: Beziehung und Klarheit gehören zusammen
Die direkte Führung Ihrer Mitarbeitenden bleibt dennoch ein zentraler Bestandteil Ihrer Aufgabe. Dabei geht es darum, die richtigen Mitarbeitenden zu finden, sie klar zu führen und gezielt weiterzuentwickeln. Falsche Mitarbeitende sind nicht nur fachlich problematisch, sondern verursachen erhebliche Kosten – finanziell, organisatorisch und emotional im Team. Gerade unter Druck ist es daher entscheidend, bei der Auswahl sorgfältig zu bleiben und Fehlentscheidungen frühzeitig zu korrigieren. Ebenso gehört es zur Verantwortung einer Führungskraft, sich von Mitarbeitenden zu trennen, die dauerhaft nicht zur Praxis passen.
In der täglichen Führung sind häufig zwei Extreme zu beobachten: Die einen möchten vor allem beliebt sein, die anderen konzentrieren sich ausschließlich auf Ergebnisse. Beides führt langfristig nicht zum optimalen Ergebnis. Wichtige Werkzeuge sind dabei regelmäßige Teamsitzungen, jährliche Mitarbeitergespräche sowie gemeinsame Events und Feiern, die den Zusammenhalt stärken und eine positive Teamkultur fördern und Ihnen als Führungskraft helfen, auch Mitarbeiter anders kennenzulernen.
- Patientenorientierung: Die stärkste Form der Führung
Ein weiterer zentraler Baustein Ihres unternehmerischen Handelns ist die klare Ausrichtung auf den Patientennutzen und das Patientenwohl. Dieser Fokus ist weit mehr als ein ethischer Anspruch – er ist die emotionale Kompassnadel Ihrer Praxis und schafft Orientierung für Ihr gesamtes Team. Der vielleicht wichtigste Gedanke des gesamten Modells lautet: Ihre Mitarbeitenden orientieren sich an Ihrem Umgang mit Patientinnen und Patienten. Wenn sie erleben, dass Sie freundlich, respektvoll und fachlich exzellent arbeiten, steigt Ihre Glaubwürdigkeit, und Ihr Führungsanspruch wird im Alltag sichtbar. Wenn jedoch wirtschaftliche Interessen dauerhaft über den Patientennutzen gestellt werden, registriert auch Ihr Team diesen Widerspruch – mit direkten Auswirkungen auf Motivation, Haltung und Verhalten. Deshalb beginnt Unternehmenskultur nicht im Leitbild. Sie beginnt am Behandlungsstuhl.
Ein wichtiges Werkzeug ist die befundorientierte Herangehensweise. In der Zahnarztpraxis erheben Sie medizinische Befunde. Über diese und über die Therapiemöglichkeiten ist der Patient aufzuklären. Eine klare, verständliche und befundorientierte Kommunikation schafft Transparenz, stärkt das Vertrauen und ermöglicht es Patientinnen und Patienten, fundierte Entscheidungen zu treffen. Sie ist damit ein wesentlicher Bestandteil einer verantwortungsvollen und patientenzentrierten Praxisführung.
Fazit: Erfolgreiche Praxen werden geführt, nicht verwaltet
Der Schritt in die Selbstständigkeit verändert weit mehr als Ihre berufliche Rolle. Sie werden Unternehmerin oder Unternehmer. Sie gestalten Kultur, treffen Entscheidungen, entwickeln Menschen und prägen jeden Tag das Miteinander in Ihrer Praxis.Die gute Nachricht lautet: Niemand muss von Beginn an perfekt führen. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wer Führung nicht ausschließlich als Mitarbeitergespräch versteht, sondern als Zusammenspiel von Strategie, Zahlen, Organisation, Selbstführung, Kommunikation und konsequenter Patientenorientierung, schafft die Grundlage für eine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis und ein motiviertes Team.
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