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Neue Wege

Totalprothetik im Wandel

Die Totalprothetik galt über Jahrzehnte als die „Königsdisziplin“ der Zahntechnik. Sie ist ein Bereich, in dem klinische Erfahrung, anatomisches Verständnis und manuelles Geschick so eng miteinander verwoben sind wie in kaum einem anderen Bereich. Doch das Bild der Zahntechniker, die in akribischer Kleinstarbeit Wachsaufstellungen vornehmen und Prothesenbasen im Küvettenverfahren stopfen oder gießen, wandelt sich rasant. Und genauso sieht es mit der Abrechnung dieser Arbeiten aus.

Frau zeigt etwas an einem Bildschirm freepik
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Was früher als unumstößlicher Standard galt – die konventionelle Fertigung nach Gutowski, TIF® oder Gysi –, sieht sich heute einer digitalen Revolution gegenüber. Der Einzug von CAD/CAM-Technologien hat die Grenzen des Machbaren verschoben. Wo einst die Polymerisationsschrumpfung, Übertragungsfehler von Praxis zu Labor sowie manuelle Fehlerquellen die Passgenauigkeit herausforderten, versprechen heute subtraktive Verfahren (Fräsen) und additive Fertigung (3D-Druck) eine bisher ungekannte Präzision und Reproduzierbarkeit.

Dieser Wandel ist jedoch weit mehr als nur ein Austausch von Werkzeugen. Er transformiert teilweise den gesamten Workflow: von der digitalen Erfassung der Abformung und Kieferrelationsbestimmung bis hin zur computergestützten Aufstellung und finalen Fertigung. Während das Fräsen aus industriell gefertigten Blöcken bereits durch Materialhomogenität und Biokompatibilität überzeugt, schickt sich der 3D-Druck an, die Effizienz und Individualisierung auf ein neues Level zu heben.

Während in der konventionellen Fertigung die zahntechnischen Arbeitsschritte zwangsläufig vorgegeben waren, sind diese bei der digitalen Fertigung immer individuell zu betrachten. Eine Arbeit kann bereits vom ersten Schritt an sowohl praxis- als auch laborseitig im digitalen Prozess durchgeführt werden. Genauso ist es möglich, dass mit konventionellen Verfahren begonnen wird und später an verschiedenen Punkten im Fertigungsprozess ein Wechsel in den digitalen Bereich erfolgt.

Konventioneller Workflow einer Totalprothese

ZahnarztpraxisDentallabor
1. Erstuntersuchung und Vorbehandlung
– Anamnese und klinische Untersuchung der Schleimhäute und Knochenverhältnisse
– anatomische Abformung (Situationsabformung) mit Alginat oder thermoplastischem Material und Standardlöffeln
– Festlegung der groben Behandlungsziele
Herstellung von individuellen Abformlöffeln
2. Funktionsabformung
– Anprobe und ggf. Korrektur der individuellen Löffel
– aktive und passive Randgestaltung (Funktionsrand) mit speziellen Pasten oder Thermoplasten, um die Ventilrandgestaltung zu simulieren
– Präzisionsabformung der Kieferbasis (meistens mit Polyether oder Silikon)
Herstellung der Arbeitsmodelle und der Registrierbehelfe (Wachswälle)
3. Kieferrelationsbestimmung (Bissnahme)
– Anpassung der Wachswälle (Lippenfülle, Lachlinie, Okklusionsebene)
– Bestimmung der vertikalen Dimension (biologische Ruhepunktlage minus 2–3 mm Interokklusalabstand)
– Bestimmung der horizontalen Relation (meist mittels Stützstiftregistrat oder Gesichtsbogen)
– Wahl der Zahnfarbe und Zahnform
Einartikulieren der Modelle und Aufstellung der Zähne auf Wachs
4. Einprobe der Wachsaufstellung
– Überprüfung der Ästhetik (Lächeln, Lippenstütze) und Phonetik (S-Laute)
– Kontrolle der Okklusion und Passung
– Patienteneinverständnis zur Zahnstellung einholen
– ggf. neue Bissnahme und Umstellung
– Umsetzen der Wachsaufstellung in PMMA Kunststoff (Pressen/Stopfen oder Gießen) und Finalisierung
– ggf. erneutes Einartikulieren und Umstellung
5. ggf. erneute Anprobeggf. erneutes Umsetzen der Wachsaufstellung in PMMA-Kunststoff (Pressen/Stopfen oder Gießen) und Finalisierung
6. Eingliederung der Prothese
– Kontrolle auf Druckstellen
– Prüfung des Saugeffekts und der Stabilität
Remontage (meist notwendig): Korrektur von Okklusionsstörungen, die durch die Kunststoffschrumpfung im Labor entstanden sind
7. Nachsorge und Remontage
– Kontrolle nach 24–48 Stunden
– langfristige Kontrolle des Prothesensitzes
Remontage und Beseitigung von Druckstellen (Dezimierung von Frühkontakten)

Wechsel zur digitalen Fertigung

Beim digitalen Start steht am Anfang meist der Scan mit einem Intraoralscanner. Dieser erfasst die Schleimhautoberfläche rein statisch und drucklos. Das Problem dabei ist, dass die bewegliche Schleimhaut, die Umschlagfalte und die muskulären Anlagerungen wie Bänder und Sehnen nicht in ihrer Dynamik abgebildet werden. Für den dauerhaften Halt einer Totalprothese ist jedoch der funktionelle Ventilrand essenziell. Nur durch eine konventionelle Funktionsabformung – bei der der Patient oder die Patientin aktive Bewegungen (Saugen, Schlucken, Lippen spitzen) ausführt – wird die Mukosa so verschoben, dass der spätere Prothesenrand luftdicht abschließt, ohne bei Bewegung auszuhebeln. Daher bleibt die konventionelle Abformung mit einem individuellen Löffel oder mit der unterfütterten Altprothese als Funktionslöffel das klinische Fundament, das anschließend für die digitale Weiterverarbeitung digitalisiert (gescannt) wird. Im Anschluss an die konventionelle Abformung kann nahezu an jedem Punkt zu einer digitalen Fertigung gewechselt werden.

Abrechnung einer (teil)digital gefertigten Prothese

Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Abrechnung. Lässt sich eine (teil)digital gefertigte Prothese als Regelversorgung abrechnen? Die Antwort ist ganz klar: nein.

Abrechnungsbeispiele

Konventionelle Herstellung
Patient: GKV
Auftrag: OK-Totalprothese (konventionelle Fertigung)
Abformung: konventionell

Regelversorgung

BELBEBMengeLeistung
00103Modell
01201Mittelwertartikulator
02121Funktionslöffel
02142Basis für Stützstiftregistrierung
02201Bisswall
02301Registrierplatte und -stift auf Basis
02151Basis für Aufstellung
30101Aufstellung Grundeinheit
302014Aufstellung Wachs je Zahn
36101Fertigstellung Grundeinheit
362014Fertigstellung je Zahn
9330jeVersandkosten
Mat.1Registrierbesteck
Mat.14Konfektionszähne

Digitale Herstellung, konventionelle Vorbereitung
Patient: GKV
Auftrag: OK-Totalprothese (digitale Fertigung – monolithischer Workflow); Funktionslöffel und Bissnahme konventionell
Abformung: UK und OK konventionell, Bissnahme wurde in der Zahnarztpraxis unterfüttert und vom Behandler eingescannt

Gleichartige Versorgung

BELBEBMengeLeistungAnmerkung
00103Modell
01201Mittelwertartikulator
02121Funktionslöffel
02142Basis für Stützstiftregistrierung
02201Bisswall
02301Registrierplatte und -stift auf Basis
9330jeVersandkostenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Auftragsanlageneu angelegte Leistung
0xxx2CAD/CAM Modell einscannenneu angelegte Leistung
0xxx23D Modell – Designneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modell/Kieferrelation scannenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Nutzung virtueller Artikulatorneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Auswerten eines Registratesneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM digitaler Datenversandneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modell vermessen, digitalneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modell ausblocken, digitalneu angelegte Leistung
1xxx2CAD/CAM Abdecken eines Kieferteiles, virtuellneu angelegte Leistung
1xxx23D Basis, konstruiertneu angelegte Leistung
0xxx13D Basis, gedrucktneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Modellanalyse für Prothetik OKneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Konstruktion Totalprothese, je Kieferneu angelegte Leistung
6xxx14CAD/CAM Aufstellen, Grundeinheitneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Aufstellen, je Zahneinheitneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Ausrichtungsebene festlegenneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Anpassung Aufstellung OKneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Anpassung Okklusionskollisionneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Positionierung Totalprothese in Rohlingneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Fräsen, je Kieferneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Totalprotheseneu angelegte Leistung
64411CAD/CAM Finish, je Kiefer
Mat.jeCharakterisieren einer Basis
Mat.1Registrierbesteck
Mat.jeDruck- oder Fräsmaterial

Digitale Herstellung
Patient: PKV · Auftrag: OK-Totalprothese (digitale Fertigung – monolithischer Workflow)
Abformung: UK und alte OK-Prothese wurden in der Zahnarztpraxis unterfüttert und vom Behandler eingescannt, Gesichtsbogen

Andersartige Versorgung

BEBMengeLeistungAnmerkung
07321Desinfektion
0xxx1CAD/CAM Import Scandatenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Auftragsanlageneu angelegte Leistung
0xxx23D Modell – Designneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Daten für Fräsunit anlegenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM digitaler Datenversandneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modell vermessen, digitalneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modell ausblocken, digitalneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Abdecken eines Kieferteiles, virtuellneu angelegte Leistung
1xxx23D Basis, konstruiertneu angelegte Leistung
1xxx23D Basis, gedrucktneu angelegte Leistung
11151Registrierplatte und -stift auf Basenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Nutzung virtueller Artikulatorneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Werte vom digitalen Übertragungsbogen übernehmenneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Anpassung individueller Artikulatorneu angelegte Leistung
0xxx1CAD/CAM Modellanalyse für Prothetik OKneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Konstruktion Totalprothese, je Kieferneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Aufstellen, Grundeinheitneu angelegte Leistung
6xxx14CAD/CAM Aufstellen, je Zahneinheitneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Ausrichtungsebene festlegenneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Anpassung Aufstellung OKneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Anpassung Okklusionskollisionneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Positionierung Totalprothese in Rohlingneu angelegte Leistung
6xxx1CAD/CAM Totalprotheseneu angelegte Leistung
0701jeVersand je Versandgang
Mat.jeFräsmaterial
Mat.1Registrierbesteck
Mat.jeDruckmaterial
Anmerkung: Leistungen wie z.B. 1xxx sind in der BEB selbst anzulegen. Die erste Ziffer beschreibt jeweils die Hauptgruppe.

Vorteil der detaillierten Abrechnung

Das Problem des BEL II ist die pauschale Abrechnung, die unabhängig vom tatsächlichen Aufwand erfolgt, und die Zusammenfassung vieler Arbeitsschritte unter einer Abrechnungsposition in den jeweiligen Leistungen des BEL II. In der BEB haben wir die Möglichkeit, den individuellen Aufwand detailliert darzustellen. Hierzu müssen digitale Leistungen neu in der BEB angelegt und kalkuliert werden. Hier sollte jedoch nicht die konventionelle Abrechnung als Maßstab genommen werden. Wie detailliert die Leistungen definiert werden, ist u.a. abhängig von dem verwendeten Herstellungsverfahren.

Dafür müssen folgende Fragen bereits im Vorfeld beantwortet werden:

  • Wie werden Totalprothesen mittels CAD/CAM-Technologie angefertigt (gefräst, gedruckt)?
  • Welches Verfahren wird angewendet?
  • Welche Leistungen werden in der Zahnarztpraxis erbracht?
  • Welche Leistungen werden im Dentallabor erbracht?
  • Werden externe Dienstleister hinzugezogen?
  • Werden Leistungen im BEL II erbracht und berechnet?
  • Handelt es sich um eine gleich- oder andersartige Versorgung?
  • Wie sind die Bestimmungen der jeweiligen KZV?
  • Wie werden die Abformungen erbracht?
  • Gibt es individuelle (digital hergestellte) Abformlöffel?
  • Erfolgte eine (digitale) Bissnahme?
  • Wird die Basis gedruckt oder gefräst?
  • Werden konfektionierte Zähne eingeklebt?
  • Sind konfektionierte Zähne bereits in der Basis enthalten?
  • Werden die Zähne aus der Basis herausgefräst oder gedruckt?
  • Gibt es eine Aufstellung auf einer Wachsbasis?
  • Kommt es zu einer Anprobe?
  • Gibt es eine Try-In-Prothese?

Effizienz durch Detailtiefe

In der modernen Zahntechnik ist die präzise Kalkulation von CAD/CAM-Leistungen nicht nur eine Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern auch der Professionalität. Die nun folgenden Antworten auf die häufigsten Fragen zur Implementierung detaillierter Abrechnungsstrukturen für den Bereich der digitalen Leistungserstellung bei Totalprothesen helfen bei der Planung im eigenen Dentallabor.

Warum ist eine detaillierte Aufschlüsselung der Leistungen unverzichtbar?

Eine differenzierte Abrechnung schafft ein äußerst flexibles System. Anstatt starr auf Preisvorgaben zu reagieren, kann man mit realistischen Leistungspositionen reagieren. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Maximale Transparenz: Rechnungen sind für Kundinnen und Kunden, Kostenträger und Prüfungsinstanzen lückenlos nachvollziehbar.
  • Agilität: Auf individuelle Anforderungen kann unmittelbar reagiert, Leistungen gezielt ausgewiesen oder ggf. als Serviceleistung gekennzeichnet werden.
  • Zukunftssicherheit: Mit einem modularen „Abrechnungsbaukasten“ werden neue Technologien sofort ins Portfolio integriert, ohne dass das System jedes Mal neu erfunden werden muss.

Ist der Aufwand in der täglichen Abrechnungsroutine sehr hoch?

Der Schlüssel liegt in der Struktur: Wer konsequent mit Leistungsketten (Jumbos) arbeitet, reduziert den manuellen Aufwand im Alltag auf ein Minimum. Die Komplexität wird in der Vorbereitung gelöst, damit die Anwendung im Tagesgeschäft reibungslos und effizient funktioniert.

Wie rechtfertige ich die ausführlichen Rechnungen gegenüber meinen Kundinnen und Kunden?

Ein gutes Argument ist die Leistungstransparenz. Zudem liefert die Medical Device Regulation (MDR) die notwendige regulatorische Basis: Gemäß MDR (EU 2017/745, Anhang XIII) ist eine lückenlose Dokumentation der Herstellungsschritte Pflicht. Eine detaillierte Rechnung ist somit lediglich das kaufmännische Spiegelbild der gesetzlich geforderten Herstellungsdokumentation.

Besteht die Gefahr, dass Kundinnen und Kunden von der Informationsfülle überfordert sind?

Oft wird eingewandt, dass Personen außerhalb des Dentallabors eine solch detaillierte Rechnung nicht verstehen könnten. Wer nicht aus dem dentalen Fachumfeld kommt, wird eine pauschale Rechnung jedoch ebenso wenig fachlich durchdringen wie eine detaillierte. Der entscheidende Unterschied ist jedoch die Transparenz und die Konformität zur MDR, die Sicherheit für den Kunden oder die Kundin schafft.

Lohnt sich die Anlage von CAD/CAM-Positionen, wenn die Technik noch gar nicht im Einsatz ist?

Eine proaktive Vorbereitung erspart erheblichen Stress, sobald kurzfristig Kostenvoranschläge für digitale Leistungen erstellt werden müssen. Wer vorbereitet ist, vermeidet Kalkulationsfehler unter Zeitdruck.

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Woher weiß ich, welche Leistungen ich zukünftig im CAD/CAM-Bereich anbieten werde?

Die Antwort liegt im Dialog: Wer sich mit Kundinnen und Kunden über deren langfristige Unternehmensstrategie(n) austauscht, erfährt, in welche Richtung sich diese Praxen entwickeln wollen. So ist es möglich, den Abrechnungskatalog passgenau auf diesen künftigen Bedarf zuzuschneiden.

Die Abrechnungshinweise wurden vom Autor nach ausführlicher Recherche erstellt. Haftung und Gewährleistung werden jedoch ausgeschlossen.

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