Anzeige

Reise

Auf den Spuren der Goldsucher – unterwegs im Westen Kanadas

Im Zentrum von Britisch-Kolumbien erstreckt sich eine Landschaft mit wilder Schönheit. Hier waren vor etwa 150 Jahren Goldsucher unterwegs. Heute überrascht die reizvolle Strecke nach Norden mit originellen Siedlungen, Gästefarmen und zahlreichen fjordartigen Seen.

Landschaft Rainer Hamberger
Getting your Trinity Audio player ready...

Steif und etwas ungelenk steige ich nach der Rückkehr vom Pferd. Für ungeübte Reiter sind zwei Stunden im Sattel schon eine Herausforderung. Mit Chocolate Chip, einer braun gesprenkelten Stute, ging es geruhsam durch dichtes Gestrüpp, herunterhängende Äste und umgefallene Bäume zu einem Aussichtspunkt auf den tief eingeschnittenen Canyon, den der Fraser River über Jahrtausende geschaffen hat. Wir sind unterwegs auf der Cariboo-Hochebene, entlang des legendären Gold Rush Trails in der westlichsten Provinz Kanadas, und verweilen für ein paar Tage auf der Echo Valley Ranch.

Von Vancouver geht die sechsstündige Fahrt durch eine der schönsten Gegenden des Landes. Kurz nach Clinton verlässt man die geteerte Straße. Auf den letzten 40 Kilometern sind noch vereinzelt Farmen zu entdecken. Dann ergreift die kanadische Wildnis von uns Besitz: Am nahegelegenen Hang weidet ein kräftig gebauter Bär das erste frische Gras der Saison ab. Er lässt sich von uns nicht stören. Wir genießen den seltenen Anblick vom sicheren Fahrzeug aus.

Die Echo Valley Ranch liegt auf einer Hochebene in 1200m HöheRainer Hamberger
Die Echo Valley Ranch liegt auf einer Hochebene in 1200m Höhe

„Hallo, da seid ihr ja!“ Von Jessie werden wir herzlich willkommen geheißen. Die imposante Blockhaus-Lodge ist beeindruckend. Mit viel Liebe zum Detail ist sie mit allerlei Western-Artefakten ausgeschmückt. Wir sind in einem der Nebengebäude untergebracht. „Schlüssel gibt es keine bei uns. Natürlich könnt ihr von innen zuschließen, wenn ihr wollt.“ Offenes Haus, offene Türen. Unter dem Balkon, die Pferdekoppel.

„Gestern hat ein Bär in einem der Teiche gebadet. Habt ihr auch die Kanadagänse gesehen, die dort heimisch sind? Geht ihr zum Yoga morgen früh?“ Pläne für den nächsten Tag und Reiseerfahrungen werden beim Abendessen im Hauptgebäude ausgetauscht.

In der Nähe der 640.000 Quadratmeter großen Echo-Valley-Ranch führte der „Gold Rush Trail“, der heutige Highway 97, nach Norden. In der Ferne erheben sich die Marble Mountains. Unten im Tal bahnt sich das braune Wasser des Frasers seinen Weg. Die Straße führt auf weiten Strecken oberhalb des Flusses nach Barkerville. Dabei folgt sie oftmals ehemaligen Handelsrouten der indigenen Bevölkerung. Es ist eine Wegstrecke voller historischer Plätze und großartiger Natur.

Dem Ruf des Goldes folgend

Genannt nach dem englischen Goldsucher Billy Barker, der hier 1862 fündig wurde, breitete sich der Ruf des Goldes schnell aus. Anfangs bestand die Goldgräberstadt Barkerville aus Zelten für Tausende von Glücksrittern aus dem ganzen Land. Schnell wuchs die Bevölkerung auf über 5.000 Bewohner. Nun galt es, den Grundbedarf zu decken. Es entstanden allein 20 Saloons, ein Theater, Restaurants und, das blieb nicht aus, Bordelle. Eine literarische Gesellschaft und eine Tageszeitung sorgten für intellektuelle Unterhaltung. „Anfänglich erschien sie einmal pro Woche. Einige Schriftsetzer waren so geschickt, dass sie blind Buchstaben aus dem Setzkasten holten. Mit Walzen wurde das Papier bedruckt.“

Wir stehen in der ehemaligen Druckerei, wo uns einer der Museumsmitarbeiter den aufwändigen Vorgang erklärt. Ein Blick in die Zahnarzt- und Arztpraxen lässt uns schaudern bei dem Gedanken, wie damals Patienten behandelt wurden. Einst war Barkerville der größte Ort nördlich von San Francisco und westlich von Chicago. Eine wichtige Rolle spielte auch die chinesische Bevölkerung. Fleißige und sparsame Chinesen übernahmen häufig Claims, die Europäer bereits aufgegeben hatten. Dennoch konnten sie den Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten. Nach vier Jahrzehnten war alles vorbei. Billy Barker starb bettelarm, und die Goldgräbersiedlung verfiel zur Geisterstadt. Bereits 1924 wurde sie jedoch zur Nationalen Geschichtsstätte erklärt. Zahlreiche Touristen begeistern sich alljährlich für dieses mit Leben erfüllte Museum. Handwerker, eine Zeitungsdruckerei, ein origineller Saloon, abendliche Vaudeville-Shows und Pferdekutschen bieten Besuchern einen spannenden Rückblick auf vergangene Goldgräberzeiten. Zudem gehört die Region zu den abwechslungsreichsten und ursprünglichsten Landschaften ganz Kanadas mit ihrer fjordähnlichen Küste, dem üppigen Regenwald, dem kantigen Berggipfel, einem tiefen Canyon, dem mächtigen Fluss und der kargen Hochebene. Weit verteilt haben sich wenige Städte wie u. a. Williams Lake, Quesnel und 100 Mile House angesiedelt.

Damals wie heute fahren Kutschen durch BarkervilleRainer Hamberger
Damals wie heute fahren Kutschen durch Barkerville
Als der Zahnarzt seine Dienste anbotRainer Hamberger
Als der Zahnarzt seine Dienste anbot
Zahnarztpraxis vor 150 JahrenRainer Hamberger
Zahnarztpraxis vor 150 Jahren
Der Green Lake macht seinem Namen EhreRainer Hamberger
Der Green Lake macht seinem Namen Ehre
Auf der Flying U Ranch dreht sich alles um PferdeRainer Hamberger
Auf der Flying U Ranch dreht sich alles um Pferde

Auch Pferde haben Freigang

Der in der späten Nachmittagssonne türkisgrün schimmernde See, an dem unser nächster Halt liegt, wird nicht ohne Grund „Green Lake“ genannt. Eine Kombination aus Calciumcarbonat und Sedimenten reflektiert Licht und erzeugt dadurch die intensive Farbe. Bei Ankunft auf der Flying U Ranch werden wir erst einmal von Schafen begrüßt. Hier hat jeder Freigang. Das Ausladen unseres Gepäcks beäugen aus nächster Nähe freilaufende Pferde. Diesmal übernachten wir in einer echten Wildwest-Hütte, ausgestattet nur mit dem Notwendigsten. Für kalte Nächte ist jedoch vorgesorgt: ein Bollerofen und genügend Holz vor der Hütte, ersatzweise eine Elektroheizung. „Soll ich euch erst mal das Gelände zeigen?“ Mit John Lovelace, der seit über neun Jahren die Ranch leitet, begeben wir uns in einer Art Golfwagen auf Ortserkundung. Bald verlieren wir die Orientierung. Privatland und Staatsland verschmelzen ineinander.

Anzeige

Bereits vor dem legendären Gold Rush wurde auf dem Weg nach Norden ein Handelsaußenposten an dieser Stelle für Fellhändler und Prospektoren gegründet. In den Jahren 1890 bis 1930 entwickelte sich eine Ranch. Einige der Hütten stammen noch aus dieser Zeit. Dort, wo heute das Hauptgebäude steht, unterhielt die Hudson’s Bay Company eine Handelsstation. Beinahe hautnah sind hier kanadische Geschichte und die Entwicklung des Landes spürbar. Am Abend im Saloon tauschen wir uns allerdings nicht über Goldfunde aus, sondern darüber, wohin wir als nächstes ausreiten werden. Wir freuen uns auf morgen.

Kommentare

Keine Kommentare.

Anzeige