|
Getting your Trinity Audio player ready...
|
Barbara Ritzert: Herr Dr. Waltenberger, 99 eingereichte Abstracts für dasWissenschaftsforum – hat Sie diese Resonanz überrascht?
Dr. Lukas Waltenberger: Diese Resonanz hat uns durchaus überrascht und unterstreicht einmal mehr die große Relevanz des DGI-Kongresses für die Wissenschaftscommunity. Aber noch mehr waren wir von der Qualität der Einreichungen beeindruckt. Wir haben allein 22 Bewerbungen für wissenschaftliche Kurzvorträge und elf Bewerbungen für Fallpräsentationen erhalten. Hinzu kommen 46 Einreichungen für wissenschaftliche Poster und 13 Einreichungen für Fallposter. Für den prestigeträchtigen Young Clinician Award mit einem Preisgeld von 1.500 Euro bewerben sich sieben Kolleginnen und Kollegen. Kurzum: Aufgrund der sehr guten wissenschaftlichen Arbeiten haben wir uns entschieden, das Programm am Samstag aufzustocken. Statt der ursprünglich vorgesehenen acht werden zwölf Arbeiten als Kurzvorträge präsentiert. So bekommen mehr junge Kolleginnen und Kollegen die Gelegenheit, ihre Forschung vorzustellen und mit anderen darüber zu diskutieren.
Das Wissenschaftsforum erstreckt sich in diesem Jahr über zwei Kongresstage. Wie ist es aufgebaut?
Am Freitag starten wir mit dem Posterforum. Bei der großen Zahl von 46 Postern wird es allerdings nicht möglich sein, bei der Posterbegehung alle vorzustellen. Darum konzentrieren wir uns diesmal auf jene 20 Arbeiten, die am besten bewertet wurden. Zwischen 13 und 15 Uhr können die Autoren ihre Arbeit vorstellen und mit dem Team der DGI Next Generation und der National Osteology Group -Deutschland sowie allen interessierten Teilnehmenden am Kongress diskutieren. Anschließend folgen am Freitagnachmittag die Präsentationen der Bewerber für den Young Clinician Award. Sie präsentieren ihren Fall auf der Bühne und neben dem hochdotierten Preis gibt es noch etwas Besonderes: Der Gewinner oder die Gewinnerin präsentiert den ausgezeichneten Fall am Samstag noch einmal im Hauptprogramm auf der großen Bühne und nimmt dort auch den Preis entgegen.Am Samstagvormittag folgen die wissenschaftlichen und klinischen Kurzvorträge. Für jeden Beitrag ist ein eigener Slot mit Vortrag und anschließender Diskussion vorgesehen. Uns ist wichtig, dass es nicht nur ums Präsentieren geht, sondern dass tatsächlich ein wissenschaftlicher Austausch zustande kommt.
Lassen sich aus den eingereichten Arbeiten bereits Themen erkennen, die den wissenschaftlichen Nachwuchs derzeit besonders beschäftigen?
Das ist in der Tat der Fall. Ein großes Thema ist die Digitalisierung. Dazu gehören digitale Workflows und die dynamische Navigation, aber natürlich auch künstliche Intelligenz und automatisierte Bildanalyse. Gerade die Entwicklung der KI ist ein Bereich, in dem im Moment sehr viel passiert. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Periimplantitis – von der Früherkennung und Risikobewertung bis zur Therapie. Wir sehen außerdem klinische Arbeiten zu Ersatzmaterialien für Weichgewebe. Hier geht es um Kollagenmatrizes als Alternative zu autologen Weichgewebstransplantaten. Hinzu kommen Langzeitdaten und Patient-reported Outcomes, also Ergebnisse, bei denen die Perspektive der Patientinnen und Patienten einbezogen wird. Da geht es etwa um Antworten auf die Frage, wie belastend beispielsweise eine Behandlung war und wie das Ergebnis einer Therapie wahrgenommen wird.
Sind digitaler Workflow und KI derzeit also die „heißen“ Themen für junge Forschende?
Wenn ich zwei Bereiche nennen müsste, in denen besonders viel Bewegung ist, würde ich tatsächlich den digitalen Workflow und die KI nennen. Diese Werkzeuge reichen inzwischen weit über eine Digitalisierung gewisser Arbeitsschritte hinaus zu Weiterentwicklungen mit handfesten Benefits.
Das Wissenschaftsforum richtet sich aber nicht nur an diejenigen, die bereits selbst forschen?
Nein, ganz und gar nicht. Es ist beispielsweise auch für Studierende interessant. Wer überlegt, in welche Richtung eine Doktorarbeit gehen könnte oder bereits an einer arbeitet, kann sich die Poster und wissenschaftlichen Kurzvorträge ansehen und bekommt einen Eindruck davon, welche Fragestellungen aktuell bearbeitet werden. Und natürlich kann man sich dort auch vernetzen und sich mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen austauschen.
Das gilt ebenso für Studierende, die überlegen, an welcher Klinik sie nach dem Examen ein passendes Umfeld finden können. Sie erfahren auf dem Kongress, welche Forschung an den verschiedenen Klinika stattfindet und ob eine Arbeitsgruppe das richtige Umfeld für ihre berufliche Weiterentwicklung sein könnte.
Die Next Generation beschränkt sich in Hamburg allerdings nicht auf Wissenschaft. Mit „Von Anfang an richtig“ gibt es eine zweite Programmsäule. Was verbirgt sich dahinter?
Wir wollen damit die praktische Implantologie auf den Kongress holen und jungen Kolleginnen und Kollegen einen strukturierten Einstieg ermöglichen. Unsere Hands-on-Angebote der vergangenen Kongresse waren stets sehr erfolgreich und ausgebucht. Deshalb führen wir das Konzept weiter. Am Freitag bieten wir zwei Hands-on-Workshops an. Im Workshop Nummer 1 geht es um die „Implantatplanung im Wandel: Analog trifft Digital“. Der zweite Workshop widmet sich ganz praktisch der Naht- und Schnitttechnik am Schweinekiefer.
An wen richten sich diese Workshops? Muss man schon selbst implantiert haben?
Nein, das muss man überhaupt nicht. Das Programm eignet sich darum ausdrücklich auch für Kolleginnen und Kollegen, die noch vor einem Curriculum stehen oder gerade erst anfangen, sich mit Implantologie zu beschäftigen. Gleichzeitig behandeln wir spezifische Themen so, dass auch Kolleginnen und Kollegen, die bereits ein Curriculum absolviert haben, etwas mitnehmen können.
Am Samstag setzt die Next Generation dann noch einmal andere Akzente.
Genau. In drei Vorträgen geht es um Fragen, vor denen gerade junge Behandlerinnen und Behandler stehen: Es geht um konkrete Denk- und Entscheidungswege für Einsteiger. Ich beschäftige mich mit der Frage, ob die navigierte Implantation wirklich den Einstieg erleichtert oder erst von geübten Implantologen und Implantologinnen sinnvoll genutzt werden kann. Dr. Pauline Gutmann (Frankfurt) fragt, ob die Hybridprothetik Oldschool oder State of the Art ist. Auch greifen wir die selbstkritische Frage auf, ob wir zu viele Zähne ziehen. Antworten darauf hat Dr. Paul Henn (Ölbronn-Dürrn) in seinem Vortrag „Muss es immer das Implantat sein?“. In dessen Mittelpunkt steht die evidenzbasierte Entscheidungsfindung zwischen Zahnerhalt und Implantologie.Bei unserem Programm der Next Generation geht es also insgesamt nicht darum, möglichst spektakuläre Verfahren zu zeigen. Viel wichtiger ist die Frage: Was ist am Anfang sinnvoll und beherrschbar? Wie trifft man eine gute Entscheidung? Und wie entwickelt man daraus Schritt für Schritt ein eigenes Behandlungskonzept?
Sie wollen also bewusst nicht nur diejenigen erreichen, die bereits implantieren?
Richtig. Auch Studierende können aus diesen Sitzungen sowie dem Hauptprogramm sehr viel mitnehmen. Natürlich werden Studierende oder Kollegen am Anfang ihrer Karriere nach einer Live-OP zur autologen Schalentechnik nicht am nächsten Tag selbst eine solche Operation durchführen können oder wollen. Aber sie können sehen, welche Möglichkeiten es gibt, welche Entscheidungen getroffen werden und wie ein erfahrener Kollege vorgeht und dieses Vorgehen begründet.
Das gilt genauso für unser Wissenschaftsforum. Man muss nicht selbst einen Vortrag halten, um davon zu profitieren. Man kann zuhören, Fragen stellen, Kontakte knüpfen und herausfinden, welche Bereiche einen besonders interessieren. Genau das verstehen wir unter aktiver Nachwuchsförderung.
Die Osteology Foundation unterstützt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wissenschaftsforums zudem finanziell.
Ja, und das ist für junge Kolleginnen und Kollegen natürlich sehr hilfreich. Die Teilnehmenden des Wissenschaftsforums erhalten einen Travel Grant. Für die 20 besten Poster, die Kurzvorträge und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Young Clinician Award sind jeweils bis zu 250 Euro vorgesehen. Auch die übrigen Kolleginnen und Kollegen, die Poster präsentieren, werden unterstützt. Hinzu kommen die Preise für die besten klinischen und wissenschaftlichen Arbeiten: Es gibt jeweils 1.000 Euro für das beste wissenschaftliche Poster und die beste Fallpräsentation. Bei den Kurzvorträgen gibt es jeweils 1.500 Euro für den besten wissenschaftlichen und den besten klinischen Vortrag.
Wenn wir zum Schluss über das Kongressprogramm hinausblicken: Wo sehen Sie derzeit Fragen in der Implantologie, bei denen noch besonderer Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht?
Da gibt es viele. Zum einen ist der effektive Patientennutzen vieler digitaler Verfahren nicht in allen Bereichen mit einem Mehrwert für den Patienten belegt. Digitale Restaurationsprotokolle für den zahnlosen Kiefer sind bislang überwiegend in-vitro untersucht. Klinische Daten, insbesondere Langzeitergebnisse, sind rar. Ein weiteres Feld ist die Behandlung der Periimplantitis. Hier haben wir Stand 2026 noch keine Therapie, welche die Periimplantitis vorhersagbar und dauerhaft heilt.
Ein weiteres wichtiges Feld ist die individuelle Therapieplanung. Wie können wir das persönliche Patientenprofil und die Ausgangssituation noch besser berücksichtigen und gleichzeitig implantatgetragene Versorgungen effizient gestalten? Dies wird zunehmend relevanter, da standardisierte, rein implantatgetragene Konzepte und Workflows für Ganzkieferrestaurationen nicht mit Zähnen kombinierbar sind. Man sieht darum immer wieder, dass Zähne in solchen Fällen auch bei individueller Erhaltbarkeit extrahiert werden. Kaum untersucht ist, ab welcher Ausgangssituation Zahnersatz mit strategischer Pfeilervermehrung unter Erhalt der Zähne einen Patienten zufriedener machen würde und zugleich spätere Therapieoptionen offenhielte. Auch bei diesen klinischen Fragen gibt es noch erheblichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf.
Quelle: DGI
Entdecke CME Artikel



Keine Kommentare.