Anzeige

Psychologische Mundgesundheit

Gesunde Psyche, gesunder Mund, gesunde Zähne?

Psychologische Faktoren wie Stress und psychische Belastungen wirken sich auf die mentale, körperliche und orale Gesundheit aus. Sie können Funktionen wie Schmecken, Kauen, Schlucken oder Sprechen beeinflussen. Die psychologische Mundgesundheit untersucht die Wechselwirkung zwischen oraler und psychischer Gesundheit, um psychologische Risikofaktoren und Strategien in die zahnärztliche Versorgung zu integrieren, das Wohlbefinden zu verbessern und die orale Gesundheit durch gemeinsame psychologische, zahnmedizinische und dentalhygienische Empfehlungen zu fördern.

Verschiedene lachende Münder, die ihre Zähne zeigen. Prostock studio/AdobeStock
Getting your Trinity Audio player ready...

Mundgesundheit wird als die uneingeschränkte Funktionalität und das Fehlen von Beschwerden in allen Bereichen der Mundhöhle definiert, einschließlich der Zähne, des Zahnfleisches, der Zunge und der Speicheldrüsen. Laut der Weltzahnärzteorganisation (FDI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umfasst Mundgesundheit die Fähigkeit, verschiedene Lebensmittel schmerzfrei zu kauen, ein angenehmes Lächeln zu zeigen, sich wohlzufühlen ohne Schmerzen zu haben und frischen Atem zu haben [1,2]. Die Mundgesundheit ist somit wesentlich für die Gesundheit; dies gilt sowohl für die Bereiche der körperlichen und psychischen Gesundheit als auch für das Wohlbefinden.

Die psychologische Mundgesundheit befasst sich mit den Funktionen der Mundgesundheit und damit, wie psychische Faktoren mit der oralen und der psychischen Gesundheit wechselwirken [3–5]. Psychologische Faktoren wie Stress, psychische, emotionale Belastung, Krankheits- und Gesundheitseinstellungen, das eigene Gesundheitsverhalten (z.B. Ernährung, körperliche Aktivität, Einstellungen zum Körper und Körper-Mundhygiene), das kognitiv-motorische Leistungsniveau der Person sowie das Risiko und die Komorbidität psychischer und körperlicher Erkrankungen können die Mundfunktionen und die Mundgesundheit, das Befinden sowie die Lebensqualität beeinflussen. Dies gilt nicht nur für das höhere Erwachsenenalter, sondern auch für die gesamte Lebensspanne [6–9].

Laut der deutschen Mundgesundheitsstudie VI (DSM VI, [10]) ist die Prävalenz von Parodontalerkrankungen weiterhin hoch. Auch das Mundhygiene- und Zahnputzverhalten weisen erheblichen Handlungsbedarf auf – in allen Altersgruppen, einschließlich jüngerer Senioren mit hohem Bildungsstatus. Schätzungen für verschiedene Altersgruppen und Erkrankungen zeigen, dass in einkommensstarken Ländern etwa jede zweite Person angibt, sich gestresst und psychisch belastet zu fühlen, und dass psychische Störungen deutlich zugenommen haben [11]. Diese Probleme können durch akute oder wiederkehrende Belastungen oder Komorbiditäten im Zusammenhang mit nichtübertragbaren Krankheiten (NCDs) verursacht werden. Die Prävalenz von NCDs steigt kontinuierlich und trägt zur Mehrheit der Krankheitslast in den Gesundheitssystemen bei [12].

Zusammenhänge zwischen Mund und Psyche

Personen mit psychischen Belastungen und psychischen Störungen haben laut Studienlage eine schlechtere Mundgesundheit als gleichaltrige Gesunde – darunter ausgeprägte Karies, verfärbte Zähne und Parodontalerkrankungen [13–15]. Zudem wurden schlechte Mundhygienegewohnheiten beobachtet, die mit einer verringerten Wahrnehmung und Einhaltung der eigenen Mundgesundheitsbedürfnisse, Tabakkonsum, ungesunder Ernährung, Medikamenteneinnahme sowie insgesamt geringerer Zugänglichkeit zu zahnärztlichen Versorgungseinrichtungen bei diesen Patientinnen und Patienten verbunden sind [13–17]. Bei älteren Menschen sind demenzielle Erkrankungen und altersbedingte neurokognitive Degeneration häufige Faktoren, die sowohl zu einer schlechteren Allgemeingesundheit und mentaler Gesundheit, zu unzureichender Zahn- und Mundpflege sowie zu erhöhtem Risiko für entzündliche Erkrankungen des Mundes (Parodontitis) beitragen als auch mit kardiovaskulären und neurologischen Risiken korrelieren [16,17].

Psychologische Faktoren und deren Rolle für Gesundheit, Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention sind demzufolge in das Verständnis der Mundgesundheit einzubeziehen [5,18]. Sie müssen intensiv erforscht werden, um auf dieser Grundlage wirksame präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen in der zahnärztlichen Versorgung zu initiieren und umzusetzen. Hierfür ist die zahnmedizinische und dentalhygienische Primärprävention in Kombination mit psychologischer Expertise wesentlich [18,19] – dies vor allem mit Blick auf zahnmedizinisch und dentalhygienisch vulnerable Bevölkerungsgruppen, zu denen durchaus auch junge Erwachsene zählen [4,9].

Psychologische Mundgesundheit

Es stellt sich die Frage, ob ausreichendes Wissen und Forschung zu den Zusammenhängen zwischen mentaler Gesundheit und Mundgesundheit vorliegen, um psychologischen Risikofaktoren in der Behandlungspraxis angemessen zu begegnen und dem entsprechenden Bedarf gerecht zu werden. Die Mundgesundheit umfasst nicht nur Zahnmedizin und Medizin, sondern auch die Psychologie, damit professionelles psychologisches Wissen aus der Forschung, der wissenschaftlichen und der beruflichen psychologischen Praxis in die Routineversorgung zahnärztlicher Patientinnen und Patienten integriert werden kann [19].

Die psychologischen Risikofaktoren für die Mundgesundheit sind essenziell, insbesondere dann, wenn zahnärztliche Screening-Tools bereits erste Symptome oraler Erkrankungen erkennen lassen oder Patienten von Beschwerden in oralen Funktionen berichten, selbst wenn dazu noch keine zahnmedizinische Ursache erkennbar ist [18]. Der patientenindividuelle Umgang mit ersten oralen Symptomen, einschließlich oral verursachter Schmerzen, hat einen erheblichen und wechselseitigen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten, den Lebensstil sowie die Motivation und Bereitschaft sein Verhalten zu ändern, beispielsweise durch die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen und eine gesunde Ernährung [6,18,19]. Psychologische Faktoren können nicht nur unabhängig vom Alter das Gesundheitsverhalten mitbestimmen oder die Behandlungsadhärenz beeinflussen, sondern auch über psychophysiologische Mechanismen orale Symptome auslösen oder verstärken. Durch chronischen psychischen Stress und Belastungen ausgelöste entzündliche Reaktionen können in der Pathophysiologie parodontaler Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Studien haben Zusammenhänge zwischen der Konzentration von Stresshormonen und dem oralen Mikrobiom identifiziert, insbesondere zwischen der Konzentration bestimmter oraler Bakterien und der Entwicklung und dem Fortschreiten parodontaler Entzündungen [8,20,21]. Werden stressbedingte Risikofaktoren für parodontale Erkrankungen in der zahnärztlichen Behandlung, vor allem während der Primärpräventionsphase, die sich auf die Krankheitsvorbeugung konzentriert, rechtzeitig über geeignete psychologische Screenings erfasst, können Patienten ihre oralen Gesundheitsprobleme mit psychischem Stress in Verbindung bringen, konkrete Empfehlungen zum Umgang mit Stress und Verhalten gegeben und die Patienten engmaschiger überwacht und betreut werden [18]. Wünschenswert wäre hier eine umfassende psychologische und psychophysiologische Befundung oraler Funktionen, wie sie aktuell im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen umgesetzt und validiert wird [18,22,23]. Von Bedeutung ist dabei ein biopsychosoziales Gesundheitsverständnis, das Gesundheit und Krankheit als Wechselspiel aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren versteht (Abb. 1). Wie am Beispiel der Wahrnehmung und Reaktion auf akuten und chronischen psychischen Stress gut aufzuzeigen ist, sind psychische Belastungen nie ausschließlich psychische oder mentale Probleme: Psychische Belastungen gehen mit kognitiven Prozessen einher, die zu Veränderungen im Erleben (Wahrnehmen, Spüren, Fühlen) und Verhalten führen und mit körperlichen Anpassungen einhergehen, zum Beispiel erhöhte Anspannung, Nervosität, Erregung, Unruhe bei Stress, die vorwiegend über das autonome Nervensystem und das humorale endokrine Nervensystem gesteuert und vom ZNS kontrolliert werden.

Abb. 1 a und b: Befundung oraler Funktionen zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mund, Gesundheit und Psyche [18,26].Herbert
Abb. 1 a und b: Befundung oraler Funktionen zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mund, Gesundheit und Psyche [18,26].
Abb. 1 a und b: Befundung oraler Funktionen zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mund, Gesundheit und Psyche [18,26].Herbert
Abb. 1 a und b: Befundung oraler Funktionen zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Mund, Gesundheit und Psyche [18,26].

Psychologische Befundung der Mundgesundheit

Eine umfassende psychologische Testung der psychologischen Mundgesundheit muss daher multifaktoriell ausgerichtet sein. Sie sollte eine standardisierte, nichtinvasive Funktionsbefundung umfassen, um die Zusammenhänge zwischen „Mund, Gesundheit und Psyche“ reliabel und valide zu objektivieren [22,23]. Dies sollte mehrere orale Funktionsparameter gemeinsam mit psychologischen sowie weiteren neuro- und psychophysiologischen Parametern sowie der selbstberichteten Mundgesundheit erfassen [3,9,22,23]. Gemeinsam mit Befragungen zur Mundgesundheit und zu psychischen Belastungen lassen sich Empfehlungen für das Gesundheitsverhalten sowie den Einsatz praxistauglicher psychologischer primärpräventiver Verfahren und Interventionen gewinnen [18,19] und in Workshops und Veranstaltungen zur Mundgesundheit, zum Gesundheitsverhalten und zu psychischen Aspekten vermitteln.

Gerade Letztere können in der Aufklärung und Psychoedukation hilfreich sein, um die Allgemeinbevölkerung über wissenschaftliche Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Mundgesundheit, Psyche, allgemeiner Gesundheit und Gesundheitsverhalten zu informieren und Vorbehalte gegenüber diesem Thema abzubauen. Hier besteht in allen Bevölkerungsgruppen, wie u.a. die explorativen Umfragen (Tab. 1) zeigen, noch erhöhter Bedarf, insbesondere beim Wunsch nach Aufklärung über Präventionsmaßnahmen zu lebensstilrelevanten Einflussfaktoren und bei der persönlichen Beratung, u.a. trotz oder wegen der Erfahrung, dass psychischer Stress, psychische Belastungen und das eigene Verhalten die Mundgesundheit beeinflussen können. Durch das Verständnis psychologischer Aspekte der Mundgesundheit lassen sich präventive Maßnahmen und Aufklärung effektiver gestalten, was zur Förderung der oralen Gesundheit beiträgt. Ein umfassendes Verständnis der wechselseitigen Beziehung zwischen psychologischen Faktoren und psychischer sowie oraler Gesundheit könnte zu verbesserten Behandlungsergebnissen beitragen, wenn es sowohl bei den behandelnden Teams als auch bei den Patienten vorhanden ist [19,25].

Fazit

Psychologische Forschung zur Mundgesundheit kann entscheidend zur Förderung und Prävention der Mundgesundheit beitragen, indem sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf orale Funktionen mittels standardisierter Erhebungsmethoden untersucht. Sie ermöglicht die Erfassung psychologischer Risikofaktoren, die in die zahnärztliche Versorgung integriert werden können, um die Kommunikation zwischen Zahnärzten/-innen, Personal und Patienten/-innen zu verbessern. Auf Basis psychologischer Expertise können effektive Aufklärungsprogramme und Motivationsstrategien entwickelt werden, um das Bewusstsein für Mundgesundheit zu schärfen, präventive Maßnahmen zu fördern und deren Wirksamkeit zu evaluieren, um kontinuierliche Verbesserungen in der Praxis zu ermöglichen.

Kommentare

Keine Kommentare.

Anzeige