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Die Aufrechterhaltung der oralen Gesundheit sowie der langfristige Erfolg kieferorthopädischer Behandlungen setzen einen funktionierenden Umbau des parodontalen Gewebes (engl. Remodelling) voraus. Durch die Applikation orthodontischer Kräfte entstehen im Zahnhalteapparat charakteristische Druck- und Zugzonen, die eine sterile Entzündungsreaktion initiieren und zu koordinierten Prozessen des Knochenan- und -abbaus führen. In diesem Zusammenhang nehmen Parodontalligament-Fibroblasten eine zentrale Rolle ein, da sie mechanische Reize detektieren, in biochemische Signale übersetzen und somit den strukturellen Umbau von Parodontium und Alveolarknochen regulieren [15].
Mit der steigenden Lebenserwartung gewinnt die orale Gesundheit insbesondere im höheren Lebensalter zunehmend an Bedeutung, da Einschränkungen in diesem Bereich eng mit einer verminderten Lebensqualität verknüpft sind [11]. Gleichzeitig erhöht sich mit zunehmendem Alter die Prävalenz systemischer Erkrankungen. Zahlreiche aktuelle Untersuchungen belegen, dass Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Demenz, hepatische und renale Insuffizienzen sowie Anorexia nervosa signifikante Auswirkungen auf die Mundgesundheit haben und die Remodelling-Prozesse des Zahnhalteapparates nachhaltig beeinträchtigen können [17]. Dies kann zu Störungen der parodontalen Homöostase, verstärktem Knochenabbau und letztlich Zahnverlust führen [11,14,15,17,20]. Epidemiologische Daten zeigen, dass mehr als die Hälfte der 65- bis 74-Jährigen von degenerativen Veränderungen des Parodontalgewebes betroffen ist [10]. Parodontitis stellt dabei die weltweit häufigste chronisch-entzündliche, nichtübertragbare Erkrankung dar. Zudem ist die altersstandardisierte Prävalenz schwerer Verlaufsformen zwischen 1990 und 2019 um 8,44% angestiegen [5]. Während lange Zeit vor allem mechanische Überlastung, bakterielle Faktoren und Traumata als primäre Ursachen pathologischer Umbauprozesse galten, verdeutlichen neuere Erkenntnisse die Komplexität der zugrundeliegenden biologischen Mechanismen sowie den erheblichen Einfluss systemischer Erkrankungen [11,14,15,17,20].
Bemerkenswert ist, dass trotz signifikanter Fortschritte in Mundhygiene, Kraftkontrolle und Traumaprävention die Prävalenz und der Schweregrad parodontaler Erkrankungen in allen Altersgruppen weiterhin hoch bleiben [3,7,16]. Dieses persistierende Niveau unterstreicht, dass es sich nicht um ein lokales oder nationales Problem handelt, sondern um eine globale gesundheitliche Herausforderung, wie auch aktuelle Daten zeigen [6]. Parallel dazu steigt die Häufigkeit systemischer Komorbiditäten wie chronischer Niereninsuffizienz sowie kardiovaskulärer und hepatischer Erkrankungen bereits im frühen Erwachsenenalter kontinuierlich an. Zunehmende Evidenz weist auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Auftreten und der Progression parodontaler Umbauprozesse und systemischen Erkrankungen hin. Diese Zusammenhänge deuten auf einen maßgeblichen Einfluss systemischer und molekularer Faktoren auf die strukturelle Integrität und Regenerationsfähigkeit des Parodonts hin (Abb. 1) [17].
Universitätsklinikum RWTH AachenDarüber hinaus wird die Beziehung zwischen oraler und systemischer Gesundheit zunehmend als bidirektional verstanden [4]. Internationale Fachgesellschaften und Gesundheitsorganisationen fordern daher integrative Präventions- und Therapiestrategien [3]. Erkrankungen des stomatognathen Systems werden inzwischen den nichtübertragbaren Erkrankungen zugeordnet und teilen wesentliche Risikofaktoren mit kardiovaskulären, metabolischen, pulmonalen, hepatischen sowie malignen Erkrankungen [3,6,22]. Vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung ganzheitlicher Präventionskonzepte erforderlich, die sowohl die frühzeitige Identifikation systemischer Erkrankungen ermöglichen als auch deren gezielte Berücksichtigung in der kieferorthopädischen Therapie sicherstellen.
Lebererkrankung
Mit einer Prävalenz von etwa 1% in der Allgemeinbevölkerung repräsentiert die Leberzirrhose das irreversible Endstadium chronisch progredienter Lebererkrankungen [2]. Auffällig ist die hohe Koinzidenz mit parodontalen Erkrankungen, die bei bis zu80% der Betroffenen zu verzeichnen sind [9]. Bei eingeschränkter mukosaler Barriereintegrität können orale Mikroorganismen in den Gastrointestinaltrakt translozieren und in der Leber persistieren, wodurch mikrobielle Dysbalancen sowie systemische Entzündungsreaktionen verstärkt werden. Dieses Zusammenspiel wird im Konzept der Achse zwischen Mund, Darm und Leber zusammengefasst, das einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Pathogenese leberassoziierter und parodontaler Erkrankungen leistet [2].
Darüber hinaus deuten epidemiologische Daten auf eine Assoziation zwischen Parodontitis und der nichtalkoholischen Fettlebererkrankung hin, die sich nicht allein durch gemeinsame Risikofaktoren erklären lässt. Experimentelle Modelle und erste klinische Befunde sprechen dafür, dass parodontale Mikroorganismen aktiv in hepatische Krankheitsprozesse eingreifen können. Gleichzeitig weisen diese Studien darauf hin, dass parodontale Interventionen sowohl die intestinale Mikrobiota als auch systemische Immunmechanismen bei Patientinnen und Patienten mit Leberzirrhose modulieren.
Klinische Untersuchungen zeigen zudem, dass parodontale Therapie bei Leberzirrhose mit einer signifikanten Abnahme der Endotoxinbelastung sowie einer Reduktion systemischer und lokaler Entzündungsparameter einhergeht. Parallel dazu wurden Verbesserungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und kognitiven Funktionen beobachtet, die wahrscheinlich auf Veränderungen der mikrobiellen Besiedlung in Mundhöhle und Darm zurückzuführen sind [2].
Vor diesem Hintergrund rückt die Mundhöhle zunehmend in den Fokus als relevanter therapeutischer Ansatzpunkt. Eine gezielte Beeinflussung der oralen Mikrobiota könnte dazu beitragen, entzündliche Prozesse und endotoxinvermittelte Gewebeschäden bei Leberzirrhose zu reduzieren und damit den Krank- heitsverlauf günstig zu beeinflussen [22].
Chronische Niereninsuffizienz
Die parodontale Degeneration und die chronische Niereninsuffizienz (chronic kidney disease, CKD) stellen multifaktorielle Erkrankungen dar, die über gemeinsame inflammatorische Pathomechanismen sowie zahlreiche überlappende Risikofaktoren miteinander verknüpft sind. Beide Entitäten weisen proinflammatorische Begleitprozesse auf, wobei eine chronisch niedriggradige systemische Entzündung als zentraler Mechanismus der beobachteten Assoziation diskutiert wird. Dies legt nahe, dass zwischen beiden Erkrankungen nicht nur eine Koexistenz, sondern potenziell auch eine kausale Interaktion besteht. Während soziale und verhaltensbezogene Faktoren die Entstehung und den Verlauf parodontaler Erkrankungen bei CKD-Patienten mitbeeinflussen, zeigen experimentelle Tiermodelle, dass urämiebedingte Veränderungen unabhängig davon direkt zur Destruktion parodontaler Gewebe beitragen können [3].
Therapeutisch konnte gezeigt werden, dass nichtchirurgische parodontale Interventionen bei Patienten mit CKD zu einer Verbesserung der parodontalen Parameter sowie zu einer Reduktion systemischer Entzündungsmarker führen. Allerdings fällt das Ausmaß des Therapieerfolges im Vergleich zu systemisch gesunden Individuen geringer aus [19]. Dies wird sowohl auf biologische Faktoren wie Immundysregulation, Störungen des Knochenstoffwechsels und Veränderungen der oralen Mikrobiota als auch auf verhaltensbezogene Einflussgrößen zurückgeführt.
Zudem mehren sich Hinweise darauf, dass Parodontitis nicht ausschließlich als Begleiterkrankung der CKD zu verstehen ist, sondern umgekehrt selbst zur Progression der Niereninsuffizienz sowie zur Entstehung kardiovaskulärer Komplikationen beitragen kann. In diesem Zusammenhang zeigen aktuelle Daten einen engen Zusammenhang zwischen dem Schweregrad parodontaler Destruktionen und systemischen Erkrankungen. So wird beispielsweise berichtet, dass eine Abnahme der Nierenfunktion um 10% mit einer Zunahme der parodontalen Gewebedegeneration um etwa 25% assoziiert ist [10].
Diese Befunde unterstreichen die Notwendigkeit individualisierter, biologisch sowie verhaltensmedizinisch adaptierter parodontaltherapeutischer Konzepte für CKD-Patienten. Darüber hinaus könnte eine konsequente parodontale Stabilisierung dazu beitragen, die Progression der Nierenerkrankung sowie deren systemische Komplikationen günstig zu beeinflussen.
Anorexia nervosa
Die Prävalenz von Anorexia nervosa ist in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen und hat sich nahezu verdoppelt [21]. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene, die zugleich eine zentrale Patientengruppe in der kieferorthopädischen Versorgung darstellen, wodurch sich eine erhebliche klinische Schnittmenge ergibt [21]. Experimentelle Untersuchungen der eigenen Arbeitsgruppe zeigen, dass anorexieähnliche Bedingungen im Tiermodell vor allem das Parodontalligament (PDL) betreffen, während der Alveolarknochen weitgehend unbeeinflusst bleibt. Charakteristisch sind dabei eine ausgeprägte Ausdünnung des PDL sowie eine gestörte Kollagenarchitektur mit reduzierter Faserdichte und ungeordneter Faserorganisation. Da diese Kollagenstrukturen maßgeblich für die Übertragung mechanischer Kräfte verantwortlich sind, können solche Veränderungen die biomechanischen Eigenschaften des Zahnhalteapparates erheblich beeinflussen und damit auch dessen Reaktion auf orthodontische Belastungen verändern [21].
Die zugrundeliegenden Ursachen dieser Veränderungen sind komplex und multifaktoriell. Neben der ausgeprägten kalorischen Restriktion spielen auch typische Begleitfaktoren der Anorexia nervosa eine Rolle, darunter Mangelzustände an Vitamin C und Vitamin D, endokrine Dysbalancen wie ein erniedrigter Östrogenspiegel sowie Störungen der Kollagensynthese und Homöostase [21] (Abb. 2). Insgesamt deuten die Befunde darauf hin, dass das Parodontalligament im Vergleich zum Alveolarknochen deutlich vulnerabler auf systemische Veränderungen im Rahmen der Anorexia nervosa reagiert. Vor diesem Hintergrund gewinnt das PDL mit seinen zellulären Bestandteilen, einschließlich Fibroblasten, Osteoblasten, Osteoklasten und Zementoblasten, sowie deren hoher Anpassungs- und Differenzierungsfähigkeit eine besondere Bedeutung für die Planung kieferorthopädischer Maßnahmen bei Patienten mit Essstörungen.
Universitätsklinikum RWTH AachenHerz-Kreislauf-Erkrankungen
Die derzeitige Evidenz weist auf einen engen Zusammenhang zwischen parodontalen Erkrankungen und atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen hin, auch wenn die zugrundeliegenden kausalen Mechanismen bislang nicht vollständig geklärt sind. Beide Krankheitsentitäten teilen zentrale pathophysiologische Merkmale einer chronisch-systemischen Inflammation [7]. Parodontale Infektionen können Prozesse der Atherogenese auf unterschiedlichen Ebenen beeinflussen. Neben direkten Effekten, wie einer transienten Bakteriämie und der möglichen mikrobiellen Besiedelung vaskulärer Strukturen, kommen indirekte Mechanismen zum Tragen. Dazu zählen systemische Veränderungen inflammatorischer Mediatoren, dysregulierte Lipidstoffwechselprozesse sowie prokoagulatorische und thrombogene Effekte, die insgesamt zur Förderung atherosklerotischer Plaquebildung beitragen können.
Zahlreiche epidemiologische Untersuchungen, einschließlich Querschnitts- und Kohortenstudien, zeigen eine unabhängige Assoziation zwischen Parodontitis und kardiovaskulären Erkrankungen [22]. Darüber hinaus deuten neuere Daten darauf hin, dass insbesondere der Schweregrad der Parodontitis mit einem erhöhten Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse wie Schlaganfälle korreliert, während schwere parodontale Verlaufsformen bei jungen Frauen mit einem erhöhten Myokardinfarktrisiko assoziiert sein können [6]. Interventionsstudien liefern ergänzende Hinweise darauf, dass eine parodontale Therapie systemische Entzündungsmarker senken, das Lipidprofil günstig beeinflussen und weitere kardiovaskuläre Surrogatparameter verbessern kann [12]. Gleichwohl konnte bislang nicht abschließend gezeigt werden, dass eine erfolgreiche parodontale Behandlung auch die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse tatsächlich reduziert. Zur Klärung dieses Zusammenhangs sind weiterführende prospektive Langzeitstudien erforderlich.
Patientenfall
Anhand einer 18-jährigen Patientin der Klinik für Kieferorthopädie der RWTH Aachen, die an einer systemischen Herzerkrankung erkrankt war, werden im Folgenden der Ablauf einer kieferorthopädischen Therapie und mögliche Herausforderungen praxisnah erläutert.
Ausgangsbefund
Die vorgestellte Patientin war zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in der Klinik für Kieferorthopädie 18 Jahre alt. Sie litt an einem angeborenen Herzfehler und hatte einen künstlichen Herzklappenersatz.
Funktionell lag ein viszerales Schluckmuster vor. Die Analyse der Anfangsunterlagen ergab extraoral ein gerades Profil und eine physiologische Lippentreppe. Die Patientin wies leichte Rezessionen an den Eckzähnen im Unterkiefer und diverse Entkalkungen an den Frontzähnen auf. Die Analyse der Zahnbögen zeigte im Oberkiefer einen Palatinalstand von 15 mit vollständigem Platzverlust, einen Frontengstand und Labialstand von 23 sowie diverse Dreh- und Kippstände. Die Mittellinie im Oberkiefer war nach rechts überwandert. Im Unterkiefer lagen ein Frontengstand sowie diverse Dreh- und Kippstände vor.
Die Okklusionsanalyse zeigte, dass am Sechsjahrmolaren und Eckzahn rechts eine halbe Prämolarenbreite Distalokklusion vorlag. Links lag im Bereich des Sechsjahrmolaren und des Eckzahnes eine drei Viertel Prämolarenbreite Distalokklusion vor. Während 11 einen Kopfbiss aufwies, lag ein frontal offener Biss bei 12 sowie 21 bis 23 vor. 25 und 35 befinden sich im Kopfbiss und die Patientin hat eine Tendenz zum offenen Biss in der Front. Darüber hinaus lag eine ausgeprägte Mittellinienabweichung vor.
Die Analyse des Orthopantomogramms zeigte ein permanentes Gebiss mit einem bereits endodontisch vorbehandelten Zahn 36, 28 und 48 ((sind)) in situ. Die Kiefergelenke und der nasomaxilläre Komplex sehen unauffällig aus im Seitenvergleich. Die Werte des FRS zeigen eine tendenziell distal-basale Diskrepanz sowie protrudierte Fronten in Ober- und Unterkiefer (Abb. 3).
Universitätsklinikum RWTH AachenInterdisziplinärer kieferorthopädischer Behandlungsplan
Kieferorthopädisch priorisiert wurde der ausgeprägte Platzmangel und die Mittellinienverschiebung im Oberkiefer sowie der offene Biss, sodass die Indikation zur festsitzenden Multibrackettherapie in Kombination mit einer Extraktionstherapie gestellt wurde.
Neben den kieferorthopädischen Behandlungsaufgaben wurde der Fokus auf die Grunderkrankung der Patientin gelegt und der Kontakt zum behandelnden Kardiologen aufgebaut, da ein künstlicher Herzklappenersatz bei der Patientin vorlag. Entsprechend der aktuellen Empfehlung der European Society of Cardiology zur Endokarditisprophylaxe, die 2023 erneuert wurde, zählen Patienten mit einem künstlichen Herzklappenersatz zur Hochrisikogruppe für die Entwicklung einer Endokarditis. Bei der Patientin bestand somit das Risiko, dass eine transitorische Bakteriämie während zahnärztlich-invasiver Eingriffe die Adhäsion von Erregern an kardialen Strukturen begünstigen würde und so eine infektiöse Endokarditis auslösen könnte, die unbehandelt zu einer progredienten Zerstörung der Herzklappen führen könnte.
Bei einem Körpergewicht von unter 70 kg wird empfohlen, 30 bis 60 Minuten vor der geplanten zahnärztlichen Intervention einmal als „single shot“ 2 g Amoxicillin oral einzunehmen. Bei über 70 kg können bis zu 3 g Amoxicillin genommen werden. Besteht eine Allergie gegen Penicillin, kann auf Clyndamicin ausgewichen werden [8]. Da bei der Patientin zudem bereits vor Beginn der Kieferorthopädie Plaquebefall auf den Zähnen vorlag, wurde sie zusätzlich nach der Scoreeinteilung von der American Academy of Pediatric Dentistry als Risikopatientin für die Entstehung weiterer Kariesläsionen identifiziert [1]. Somit wurde die kieferorthopädische Therapie engmaschig mit der Hauszahnärztin abgestimmt, sodass hier parallel zu den kieferorthopädischen Kontrollterminen weitere Kontrolltermine zur Mundhygieneinstruktion und -motivation erfolgten.
Verlauf der kieferorthopädischen Therapie
Die kieferorthopädische Therapie wurde mit einer festsitzenden Apparatur gestartet. Es erfolgte eine antibiotische Abschirmung beim Setzen der orthodontischen Bänder. Aufgrund des ausgeprägten Platzmangels wurden die Zähne 15, 24, 36, 44 extrahiert, um Platz zu schaffen. Im dritten Quadranten wurde der Zahn 36 entfernt, da dieser durch eine vorangegangene endodontische Behandlung eine im Vergleich zu einem gesunden Prämolaren leicht reduzierte Langzeitprognose hatte. Auch bei dieser Intervention erfolgte eine Endokarditisprophylaxe. Anschließend konnten die Zahnbögen ausgeformt und der ektopisch durchgebrochene Zahn 23 eingeordnet werden. Die Lücken wurden mittels Gummiketten geschlossen. Dadurch war es ebenfalls möglich, den Kopfbiss zu überstellen und den offenen Biss zu schließen. Die Mitteneinstellung und Korrektur der Bisslage an den Eckzähnen sowie das Settling der Seitenzähne erfolgten unter Zuhilfenahme von Gummizügen. Im dritten Quadranten wurde in regio 36 eine Lücke offengelassen, um diese später implantologisch zu versorgen. Strategisch wurde eine kieferorthopädische Therapie mit mittlerem Zeitaufwand gewählt, da die Mundhygiene bereits zu Beginn der Therapie als mäßig einzustufen war. Eine röntgenologische Kontrolle zeigte im Verlauf der Therapie keine signifikante Verschlechterung der Zahnsubstanz oder des Knochens, jedoch eine deutliche Verbesserung der Zahnstellung (Abb. 4).
Bei Entbänderung wies die Patientin eine Neutralokklusion, eine korrigierte Mittellinie im Oberkiefer sowie eine ausreichende vertikale Frontzahnstufe auf (Abb. 5). Für alle Termine mit professionellen Zahnreinigungen und/oder möglicher Kompromittierung der Gingiva (wie auch die Entbänderung) wurde eine Single-Shot-Antibiose als Endokarditisprophylaxe angewiesen. Dabei war zu beachten, dass die Patientin diese im Wartezimmer einnahm, damit gewährleistet war, dass während der Intervention, die zur Bakteriämie führen könnte, ein ausreichender antiinfektiöser Schutz gegeben war.
Die Behandlung von Patienten mit Vorerkrankungen stellt eine besondere Herausforderung dar, da sie neben der interdisziplinären Absprache auch die erhöhte Mitarbeit des Patienten voraussetzt. In dem vorliegenden Fall haben das Vergessen der Antibiotikaeinnahme und die teilweise unzureichend getragenen intermaxillären Gummizüge die Behandlung zwar zeitlich verzögert, aber dennoch konnte ein für die Patientin zufriedenstellendes Ergebnis hinsichtlich Funktion und Ästhetik erzielt werden.
Diskussion
Bei dem vorliegenden Fall handelt es sich um eine 18-jährige Patientin mit einem angeborenen Herzfehler und einer künstlichen Herzklappe, die anhand einer Extraktionstherapie mit einer Multibracketapparatur interdisziplinär mit anderen Fachrichtungen behandelt wurde. Aufgrund einer initial bestehenden Gingivitis und der notwendigen antibiotischen Abschirmung als Endokarditisprophylaxe vor nahezu jedem Behandlungstermin wurden engmaschige Recalls mit Remotivation durchgeführt sowie über Hygienemaßnahmen informiert und instruiert. Da die Mundhygiene nicht immer ausreichend war, wurde die Patientin letztlich etwas früher entbändert, ohne einen vollständigen Lückenschluss in regio 36 anzustreben. Durch eine vorzeitige Entbänderung sollten die Progression der Gingivitis sowie die Entstehung weiterer Kariesläsionen vermieden werden. Wie in unserem Fallbeispiel deutlich wurde, spielen Vorerkrankungen, insbesondere systemische Erkrankungen, eine zentrale Rolle in der kieferorthopädischen Behandlung. Während längerer Klinikaufenthalte oder intensiver medizinischer Betreuung können Behandlungsintervalle, Kontrolle der Mundhygiene und Motivation der Patienten schwierig aufrechterhalten werden, sodass kieferorthopädische Maßnahmen in den Hintergrund rücken. In unserem Fall hat das Vergessen der Antibiotikaeinnahme die Behandlung an dem jeweiligen Behandlungstag verzögert, da eine gewisse Karenzzeit eingehalten werden musste und hier mögliche geplante Interventionen aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden konnten.
Um mögliche Nebenwirkungen wie Demineralisationen oder ein erhöhtes Parodontitisrisiko zu vermeiden, kann es sinnvoll sein, kurze Therapieabschnitte zu planen. Eine enge interdisziplinäre Abstimmung mit dem behandelnden Hauszahnarzt, Kardiologen und Hausarzt ist entscheidend, um den optimalen Zeitpunkt für eine kieferorthopädische Therapie zu finden und eine kontinuierliche Betreuung sicherzustellen. Gemeinsam können und Kieferorthopäden sowie Hauszahnärzte präventive Maßnahmen umsetzen, wie z.B. intensives Mundhygienetraining, regelmäßige professionelle Zahnreinigungen sowie die Anwendung fluoridhaltiger Gele oder Lacke, um sowohl Demineralisationen als auch parodontale Komplikationen während der Therapie zu minimieren.
Die enge Wechselbeziehung zwischen Parodontalerkrankungen und systemischen Erkrankungen unterstreicht die Relevanz einer ganzheitlichen Betrachtung in der kieferorthopädischen Praxis.
Schlussfolgerung
Gingivale und parodontale Erkrankungen haben nicht nur eine lokale Bedeutung für die Mundgesundheit, sondern können zugleich als klinische Hinweise auf systemische Erkrankungen dienen und die Gewebereaktion des Zahnhalteapparates auf kieferorthopädische Kräfte maßgeblich beeinflussen. Vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse ergeben sich daraus mehrere wesentliche Implikationen für die klinische Praxis. Parodontale Befunde bei kieferorthopädisch behandelten Patienten sollten als potenzielle Frühindikatoren systemischer Erkrankungen verstanden werden und daher sorgfältig erhoben, dokumentiert sowie im Verlauf regelmäßig reevaluiert werden. Darüber hinaus ist eine individualisierte Anpassung kieferorthopädischer Behandlungsparameter erforderlich. Dies umfasst insbesondere eine kontrollierte Reduktion applizierter Kräfte sowie den Einsatz skelettal verankerter Apparaturen bei eingeschränkter Compliance, um eine Überlastung des parodontalen Gewebes zu vermeiden und unerwünschte Gewebe- oder Zahnreaktionen zu minimieren.
Zudem kommt der interdisziplinären Zusammenarbeit mit angrenzenden medizinischen Fachdisziplinen sowie konsequenten präventiven Maßnahmen eine zentrale Bedeutung zu. Nur durch ein integratives Behandlungskonzept kann sowohl die parodontale als auch die allgemeine Gesundheit von Patienten mit systemischen Erkrankungen langfristig stabilisiert und die therapeutischen Ergebnisse optimiert werden.
Autoren: Sophia Habsburg-Lothringen1, Franziska Kettner1, Hannah Al-Sakati1, Norbert Lang1, Franziska Lang1, Christian Niederau1, Marta Rizk1, Rogerio Bastos Craveiro1, Michael Wolf1, Isabel Knaup1
1 Klinik für Kieferorthopädie, Uniklinik RWTH Aachen
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