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Therapie

Diagnostik und Therapie bei Endo-Paro-Läsionen

Endo-parodontale Läsionen (EPL) sind in der zahnärztlichen Praxis aufgrund ausgedehnter Defekte und reduzierter Prognose oft mit Unsicherheiten verbunden. Eine eindeutige Diagnostik, Einschätzung der Erhaltungswürdigkeit und die optimale therapeutische Herangehensweise stellen große Herausforderungen dar. Zusätzlich erscheint in Hinblick auf die unterschiedlichen erkrankten Gewebearten die Therapie besonders anspruchsvoll. Ein systematisches Vorgehen zur Einschätzung der Prognose und Therapieentscheidung können den Umgang dabei deutlich vereinfachen.

Abb. 7: Röntgenologischer Ausgangsbefund: OPG 2/2024. Müller
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Die anatomische Nähe und potenziellen Verbindungswege zwischen Parodont und Endodont führen oftmals zu klinischen Beschwerdebildern, die eine ausführliche Diagnostik erfordern, um die Ursache aufzuklären und eine kausale Therapie zu ermöglichen. So kann es insbesondere bei strategisch wichtigen prothetischen Pfeilerzähnen oder aber einer geschlossenen Zahnreihe geboten sein, den Zahnerhalt auch bei EPL anzustreben [1]. Für den Behandlungserfolg sind dabei eine strukturierte Vorgehensweise in der Diagnostik sowie der gezielte Einsatz von Therapieoptionen besonders wichtig.

Ätiologie

Grundsätzlich bestehen aufgrund der engen anatomischen Nachbarschaft von Endodontium und Parodontium vielfältige potenzielle Kommunikationswege zwischen beiden Strukturen [2]. Sie ermöglichen den Transfer von Mikroorganismen und Entzündungsmediatoren zwischen Wurzelkanal und Parodont und bilden somit die Voraussetzung zur Ausbildung einer EPL [3]. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Foramen apicale, das insbesondere bei fortgeschrittenem Knochenabbau in Kontakt mit parodontalen Läsionen treten kann und so den Übertritt von Bakterien und deren Toxinen in den Desmodontalspalt ermöglicht. Darüber hinaus können akzessorische Wurzelkanäle, die vor allem im apikalen Wurzeldrittel und im Furkationsbereich vorkommen, oder freiliegende Dentinkanälchen infolge fehlender Zementbedeckung, direkte Verbindungen darstellen. Entzündliche Veränderungen der Pulpa können durch tiefe kariöse Läsionen, insuffiziente koronale Restaurationen oder Traumata mit freiliegendem Dentin entstehen. Im Verlauf kann dies zur Nekrose der Pulpa führen. Durch die Besiedelung des Wurzelkanalsystems mit Mikroorganismen und deren Stoffwechselprodukten und Toxinen wird das Immunsystem des Parodonts im Bereich des Foramen apicale aktiviert. In der Folge kommt es zum Abbau von parodontalem Gewebe und Knochengewebe, wie er beispielsweise bei einer Parodontitis apicalis, einem endodontisch bedingten apikalen Abszess oder Fistelbildungen zu beobachten ist.

Auch insuffizient durchgeführte Wurzelkanaltherapien können durch die unzureichende Wurzelkanalsystemdesinfektion und das Verbleiben von Mikroorganismen die Ursache für EPLs sein. Aber auch bei Vorliegen einer fortgeschrittenen Parodontitis mit starkem Knochenabbau, hohen Taschensondierungstiefen und möglicher Furkationsbeteiligung besteht ein erhöhtes Risiko für EPL [4,5]. Darüber hinaus können Malformationen (beispielsweise Furchen, Invaginationen, zusätzliche Wurzeln, Schmelzprojektionen oder Schmelzperlen), traumatische oder iatrogene Defekte der Wurzel wie Frakturen, externe oder interne Resorptionen oder Perforationen weitere pathologische Verbindungen zwischen den beiden Systemen schaffen. Diese stellen zusätzliche Risikofaktoren dar, indem sie die Biofilmakkumulation und somit die Entstehung von kariösen oder parodontalen Läsionen begünstigen [6].

Das Vorliegen einer Parodontitis, Traumata und iatrogene Verletzungen der Zähne gehören daher zu den größten Risikofaktoren für die Entstehung einer EPL. Aber auch systemische Faktoren wie Diabetes mellitus und andere chronisch-entzündliche Erkrankungen, regelmäßiger Tabakkonsum, Stress sowie ein höheres Alter und das männliche Geschlecht begünstigen das Auftreten von EPL [3,7–11].

Biofilm und mikrobiologische Aspekte

Untersuchungen konnten zeigen, dass die mikrobiellen Gemeinschaften von EPL denen von infizierten Wurzelkanälen oder parodontalen Taschen weitgehend entsprechen. Dominante Spezies gehören zu einem Spektrum von Bakterien, die mit einer parodontalen Erkrankung vereinbar sind (z.B. Porphyromonas gingivalis, Treponema denticola sowie Fusobacterium nucleatum [12]). Weiterführende mikrobiologische Analysen wie moderne Sequenziertechniken konnten eine erhöhte Diversität für EPL nachweisen und identifizierten zusätzlich seltenere Taxa wie Filifactor alocis und Enterococcus faecalis [3,12]. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass EPLs keinen spezifischen mikrobiellen Fingerabdruck aufweisen; die mikrobiellen Profile spiegeln vielmehr die anaerobe Umgebung sowie die vergleichbaren Umgebungsbedingungen von Wurzelkanal und parodontaler Tasche wider.

Prognostische Bedeutung der Ätiologie

Iatrogene, entzündliche oder traumatische Schädigungen der Wurzel gehen zudem meist mit einer ungünstigen Prognose für den Zahnerhalt einher und zeigen sich häufig klinisch mit Pus- oder Sekretabfluss über das Parodont [3]. Prognostisch günstige Faktoren für EPL umfassen patientenbezogene Merkmale wie jüngeres Alter, weibliches Geschlecht, gute Plaquekontrolle, Nichtrauchen, gut eingestellten Diabetes sowie das Fehlen von Bruxismus. Auf Zahnebene sind anterior oder maxillär gelegene Zähne, geringe Attachmentverluste, minimale Mobilität und Zähne ohne terminale Abstützfunktion vorteilhaft [6].

Klassifikation

Simring und Goldberg stellten erstmals 1964 einen Zusammenhang zwischen Parodontalerkrankungen und Pulpaerkrankungen her [13]. Der Begriff Paro-Endo-Läsion beschrieb Läsionen, die auf entzündliche Prozesse zurückzuführen waren, welche sowohl im Parodontalgewebe als auch im Pulpagewebe zu finden waren. Die erste Klassifikation solcher Läsionen nach Simon et al. wurde erstmals 1972 publiziert [14]. Hier wurde eine ätiologische Aufteilung der Läsionen vorgenommen nach:

  • primär endontisch (Abb. 1) (primär endodontische Läsion mit sekundär parodontaler Beteiligung; retrograde Parodontitis; Ausbreitung endodontisch bedingter Entzündung bis marginal)
  • primär parodontal (Abb. 2a bis c) (primär parodontale Läsion mit sekundär endodontischer Beteiligung; Ausbreitung parodontaler Läsion bis apikal)
  • kombinierte Läsionen (Abb. 3a und b) (unabhängige, aber gleichzeitige Entzündung beider Systeme)
Abb. 1: EPL primär endodontischer Ätiologie Zahn 13.Müller
Abb. 1: EPL primär endodontischer Ätiologie Zahn 13.
Abb. 2a: EPL primär parodontaler Ätiologie an Zahn 36 mit apikaler Aufhellung an mesialer Wurzel.Müller
Abb. 2a: EPL primär parodontaler Ätiologie an Zahn 36 mit apikaler Aufhellung an mesialer Wurzel.
Abb. 2b u. c: Röntgenologische Diagnostik und erhöhte Sondierungstiefe bei EPL an den Zähnen 11, 21 mit primär parodontaler Ätiologie mit Wurzelschädigung bei Z. n. Kanalsuche alio loco.Müller
Abb. 2b u. c: Röntgenologische Diagnostik und erhöhte Sondierungstiefe bei EPL an den Zähnen 11, 21 mit primär parodontaler Ätiologie mit Wurzelschädigung bei Z. n. Kanalsuche alio loco.
Abb. 2b u. c: Röntgenologische Diagnostik und erhöhte Sondierungstiefe bei EPL an den Zähnen 11, 21 mit primär parodontaler Ätiologie mit Wurzelschädigung bei Z. n. Kanalsuche alio loco.Müller
Abb. 2b u. c: Röntgenologische Diagnostik und erhöhte Sondierungstiefe bei EPL an den Zähnen 11, 21 mit primär parodontaler Ätiologie mit Wurzelschädigung bei Z. n. Kanalsuche alio loco.
Abb. 3a u. b: EPL an Zahn 46 mit starker Kippung und vorhandenem Knochenabbau (1/2 WL) distal: Zustand vor und nach kombinierter endodontischer und parodontaler Behandlung.Müller
Abb. 3a u. b: EPL an Zahn 46 mit starker Kippung und vorhandenem Knochenabbau (1/2 WL) distal: Zustand vor und nach kombinierter endodontischer und parodontaler Behandlung.
Abb. 3a u. b: EPL an Zahn 46 mit starker Kippung und vorhandenem Knochenabbau (1/2 WL) distal: Zustand vor und nach kombinierter endodontischer und parodontaler Behandlung.Müller
Abb. 3a u. b: EPL an Zahn 46 mit starker Kippung und vorhandenem Knochenabbau (1/2 WL) distal: Zustand vor und nach kombinierter endodontischer und parodontaler Behandlung.

Einfluss der Ätiologie auf Diagnostik und Therapie

Während sich ältere Einteilungen von EPL vor allem auf den primären Ursprung der Läsion fokussieren, sieht die 2017 vorgestellte Klassifikation nach Papapanou et al. eine Einteilung von Läsionen ohne Beschädigung der Zahnwurzel bei Patientinnen und Patienten mit und ohne Parodontitis gegenüber Läsionen mit Beschädigung der Wurzel vor (Abb. 4). Dabei wird weiterhin zwischen Wurzelfrakturen, Perforationen des Wurzelkanals und externen Resorptionen unterschieden (siehe Abb. 1) [15]. Die beiden vorgestellten Klassifikationen werden maßgeblich in der aktuellen Literatur angewendet.

Abb. 4: Endo-parodontale Läsionen – Klassifikation nach Papapanou et al. [15].Müller
Abb. 4: Endo-parodontale Läsionen – Klassifikation nach Papapanou et al. [15].

Diagnostik

Die Diagnostik kombinierter EPL sollte zum Ziel haben, die folgenden Fragen möglichst eindeutig und differenziert beantworten zu können:

  • Liegt eine Schädigung der Wurzel vor? Wie weit ist diese fortgeschritten und wie kann sie versorgt werden?
  • Liegt eine Parodontitis vor? Wie weit ist diese fortgeschritten und kann sie therapiert werden?

Anamnestisch sollten hierzu neben dem Beschwerdebild vorangegangene Traumata oder bereits stattgefundene parodontale Therapien erfragt werden. Zusätzlich sollten Risikofaktoren der Parodontitis wie systemische Erkrankungen, Lebensstilfaktoren wie Nikotinabusus sowie die Mundhygiene beurteilt und entsprechend adressiert werden (Tab. 1).

Checkliste anamnestische Diagnostik Endo-Paro-Läsionen
Bestehen aktuell oder bestanden zuvor Beschwerden?
EndodontParodont
Vorangegangenes TraumaVorangegangener PA-Abszess
Vorangegangene WurzelkanalbehandlungenVorangegangene PA-Therapie
Bruxismus/ Knirschen bekanntRisikofaktoren PA
Tab. 1: Diagnostik-Checkliste Endo-Paro-Läsionen: Anamnese.

Klinisch sollte hierfür die parodontale Situation anhand von Sondierungstiefen, Clinical Attachment Level, Bleeding on Probing, Furkationsgrad sowie Lockerung und/oder Pusabfluss als Hinweis auf eine aktive Entzündung aufgenommen werden. Laterale Perkussionsbeschwerden können ein zusätzlicher Hinweis auf parodontale entzündliche Geschehen sein. Um das Vorliegen einer Parodontitis an weiteren Zähnen auszuschließen, sollte entweder ein parodontaler Screening Index oder aber ein vollständiger Parodontalstatus aller vorhandenen Zähne erhoben und durch röntgenologische Untersuchungen ergänzt werden. Sofern weitere Zähne von Parodontitis betroffen sind, gilt es eine zeitnahe systematische Parodontitistherapie einzuleiten.

Zur Beurteilung des Pulpazustandes und deren Diagnose können eine Sensibilitätstestung und eine okklusale oder inzisale Perkussionstestung durchgeführt werden. Der diagnostische Entscheidungswert dieser Befunde sollte jedoch nicht überbewertet werden, da kombinierte Läsionen in mehrwurzeligen Zähnen nicht unbedingt mit einer vollständigen Pulpanekrose einhergehen müssen und die Aussagekraft gängiger Sensibilitätstestungen (Kälte, elektrisch) über den tatsächlichen histologischen Zustand der Pulpa und deren Perfusion gering ist [16–18]. Fisteln können auf der gesamten Länge der Wurzel einen Hinweis auf eine chronifiziertes endodontisches Entzündung geben. Bei bestehenden Fisteln ist das Abheilen dieser im Behandlungsverlauf ein notwendiger Indikator zur Annahme einer endodontischen Heilung. Klinisch können isolierte tiefe Sondierungstiefen bei parodontal gesunden Patienten den dringenden Verdacht auf eine Längsfraktur begründen. Es sollte jedoch bedacht werden, dass auch apikale purulente Entzündungen über den Parodontalspalt drainieren können und dies ebenfalls zu einer isolierten erhöhten Sonderungstiefe führen kann. Besonders bei parodontal geschädigten Zähne mit bestehender Lockerung sollte auch die Okklusion dieser Zähne geprüft werden, um eine zusätzliche Schädigung durch ein sekundäres Trauma auszuschließen (Tab. 2).

Checkliste klinische Diagnostik Endo-Paro-Läsionen
EndodontParodont
Sensibilität (Kälte-/elektrische Sensibilitätsprüfung)Sondierungstiefen/CAL, Furkationsbeteiligung
Aufbiss-/ EntlastungsschmerzBOP, Pusabfluss
Druckschmerz auf Höhe der WurzelspitzeLockerungen
Perkussion (vertikal)Perkussion (lateral)
Chronische oder akute Entzündungen: Abszess/Schwellung/Fistel Überbelastung, okklusales Trauma, Bruxismus?
Tab. 2: Diagnostik-Checkliste Endo-Paro-Läsionen: klinisch.

Für die röntgenologische Diagnostik einzelner Zähne sollten mindestens zweidimensionale Detailaufnahmen (Zahnfilm)fraglicher parodontal und endodontisch geschädigter Zähne angefertigt werden. Neben horizontalen und vertikalen parodontalen Knochenverlusten zeigen kombiniert geschädigte Zähne oftmals apikale und laterale Knochendefekte, die sich als noch getrennt oder schon verbunden zeigen. Verbundene Defekte können sich radiologisch ähnlich wie Längsfrakturen mit j-förmigen Aufhellungen darstellen. Fistelgänge können bei unklarem Ursprung mit einem Guttaperchastift röntgenologisch dargestellt werden. Panoramaschichtaufnahmen oder ein röntgenologischer Zahnstatus werden bei Verdacht auf eine parodontale Erkrankung mehrerer Zähne zur Beurteilung des generellen Knochenabbbaus des Ober- und Unterkiefers im Rahmen der systematischen Parodontitistherapie genutzt. Ist die Prognose des Zahnes durch ausgedehnte Defekte eingeschränkt oder die Behandlung durch anatomische Besonderheiten erschwert, können dreidimensionale Bildgebungen die Diagnostik erweitern und das Treffen von Diagnosen und Erfolgschancen spezifizieren [19] (Tab. 3).

Checkliste röntgenologische Diagnostik Endo-Paro-Läsionen
EndodontParodont
Suffiziente koronale Restauration, suffiziente WurzelkanalbehandlungKnochenabbau (horizontale, vertikale Defekte?)
Durchgehender PA-Spalt, apikale/laterale Aufhellungen, j-förmige Aufhellung (Längsfraktur?)Knochenabbau lokalisiert vs. generalisiert
Wurzel- und Wurzelkanalanatomie (Kanalverlauf sichtbar, obliteriert?)Furkationsbeteiligung röntgenologisch sichtbar
Anomalien/Läsionen der Wurzel (Fraktur, Resorptionen, Perforationen, Wurzelmalformationen)Konkremente
Zervikale/subgingivale kariöse Läsionen oder insuffiziente Restaurationen
Tab. 3: Diagnostik-Checkliste Endo-Paro-Läsionen: röntgenologisch.

Durchführbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Prognose

Vor der Behandlung einer Endo-Paro-Läsion sollte auf Grundlage der gestellten Diagnosen die Erhaltungswürdigkeit des Zahnes allein und bei Einbeziehung in prothetische Planungen in seiner Funktion als Pfeilerzahn eingeschätzt werden. Bei generalisiertem fortgeschrittenem Knochenabbau, starker Lockerung und/oder ausgeprägter Furkationsbeteiligung sollte bei umfangreichen prothetischen Planungen auch eine mögliche Extraktion der betroffenen Zähne kritisch abgewogen werden. Laut der „Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung (Behandlungsrichtlinie)“ Absatz 9.5. „[ist] bei endodontal-parodontalen Läsionen […] die Erhaltung der Zähne im Hinblick auf die parodontale und endodontische Prognose kritisch zu prüfen“. Die Patienten müssen aufgeklärt werden, dass Behandlungsfälle mit reduzierter Prognose oder einem erhöhten Behandlungsaufwand keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse darstellen und die Kosten für die Erhaltung des Zahnes privat getragen werden müssen. Aus parodontologischer Sicht sollte die Prognose im Verlauf reevaluiert werden, um somit die parodontale Stabilität bzw. Progression zu beurteilen. Dabei sind auch patientenbezogene Faktoren wie die regelmäßig wahrgenommene Nachsorge, eine adäquate Mundhygiene und andere Risikofaktoren für das Fortschreiten der Erkrankung in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Die sorgfältige Durchführung des endodontischen Therapieanteils von EPL ist neben der Größe der apikale Aufhellung und der Anzahl der Wurzelkanäle entscheidend für deren Prognose [20]. Komplexe Wurzelkanalsystemanatomien oder Schäden der Wurzeln können die Durchführung endodontischer Behandlungen stark erschweren. Die Behandlung von Zähnen mit Wurzelläsionen ist komplex und techniksensitiv. Diese Fälle sind daher prognostisch als besonders kritisch anzusehen. Falls deren Erhalt geplant wird, erfordern sie besondere chirurgische und endodontische Expertise, Materialien und bestenfalls den Zugang zu einem Operationsmikroskop sowie dreidimensionalen Bildgebungsverfahren. Sie sind Voraussetzungen für eine prognostisch vorteilhafte Behandlung von Zähnen mit Wurzelläsionen. Daher sollte bei Fehlen der nötigen Voraussetzungen eine Überweisung an spezialisierte Praxen erwogen werden. In der Literatur sind kaum Überlebensraten für EPL mit einer allein nicht chirurgischen Therapie zu finden. Für chirurgisch therapierte EPL geben Studien Erfolgsraten von 70 bis 80% über 12,5 Jahre an [21–25] (Abb. 5 [26]).

Abb. 5: Therapieentscheidungen bei endodontischen-parodontalen Läsionen – Entscheidungsbaum nach Chen et al. [26].Müller
Abb. 5: Therapieentscheidungen bei endodontischen-parodontalen Läsionen – Entscheidungsbaum nach Chen et al. [26].

Therapie

  • Optionen

Die Optionen für die Behandlung einer Endo-Paro-Läsion setzen sich aus den Behandlungen der einzelnen betroffenen Gewebe zusammen. Falls die Diagnose einer pulpalen Beteiligung gestellt wurde, muss als Therapie der entzündeten und infizierten Bereiche des Wurzelkanalsystem eine endodontische Behandlung durchgeführt werden. Hierbei sind eine vollständige Aufbereitung, Desinfektion und abschließender dichter Verschluss des Wurzelkanalsystems für den Erfolg der Behandlung unabdingbar [27]. Laut der aktuellen Studienlage können medikamentöse Einlage mit Kalziumhydroxid oder 2%igem Chlorhexidin die parodontale Heilung unterstützen [28]. Bei Vorhandensein von Wurzelschäden sollten diese, sofern der Zahn als erhaltungswürdig eingeschätzt wurde und ein intradentaler Zugang zum Defekt möglich ist, im Rahmen der endodontischen Behandlung verschlossen werden. Falls kein Zugang von intern möglich ist, kann eine Deckung des Defektes in einem zweiten Schritt durch einen chirurgischen Zugang von extern vorgenommen werden. Am betroffenen Parodont muss eine gründliche subgingivale Instrumentierung vorgenommen werden. Ist eine systematische Parodontitistherapie indiziert, gilt es diese entsprechend der S3-Leitlinie zur Behandlung von Parodontitis Stadium I–III Schritt für Schritt durchzuführen (Abb. 6) [29]. Zum Zeitpunkt der Befundevaluation nach erfolgter Behandlungsstufe 2 (subgingivale Instrumentierung) sollte hier der Erfolg der Behandlung im Hinblick auf die EPL beurteilt werden, um ein gegebenenfalls zusätzliches chirurgisches Vorgehen abzuwägen. Dies kann neben der Reinigung der Wurzeloberfläche unter Sicht auch die Optionen der Wurzelamputation oder Hemisektion beinhalten.

Abb. 6: Stufenschema der systematischen Parodontitistherapie nach Kebschull entsprechend der S3-Leitlinie zur Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III.Müller
Abb. 6: Stufenschema der systematischen Parodontitistherapie nach Kebschull entsprechend der S3-Leitlinie zur Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III.

Über die klassischen Verfahren hinaus zeigten zuletzt innovative minimalinvasive Konzepte zur selektiven Vitalerhaltung der Pulpa bei mehrwurzeligen Zähnen mit isolierten Wurzeldefekten erste positive klinische Resultate. Anstatt einer Wurzelkanalbehandlung wurde dabei eine Pulpotomie mit einer Abdeckung durch Kalziumsilikatzemente vorgenommen und nur die betroffene Wurzel entfernt [30].

  • Reihenfolge als Stufentherapie

Als Reihenfolge für die nötigen Behandlungsschritte der einzelnen Gewebe sollten zuerst akute Symptome behandelt werden. Hierzu zählen bei Endo-Paro-Läsionen die Entlastung parodontaler und endodontischer Abszesse durch Drainage und ggf. Streifeneinlage sowie die Einleitung endodontischer Behandlungen bei irreversiblen Pulpitiden und Pulpanekrosen.

Nach Beseitigen der akuten Beschwerden wird zunächst die endodontische Behandlung empfohlen [31]. Diese ermöglicht im besten Falle eine vollständige Entfernung von Biofilmen, bakteriellen Toxinen, totem Gewebe und Debris aus dem Wurzelkanalsystem und dessen dichten Verschluss. Sie kann daher den weiteren Transport dieser nach periapikal und extraradikulär unterbinden und die damit verbundene parodontale und apikale Entzündungsreaktion reduzieren. Mögliche weitere parodontale Schädigungen oder Wurzelresorptionen können hierdurch verlangsamt oder zum Stillstand gebracht werden.

Bei primär endodontischen Ätiologien kann nach dem Abschluss der Wurzelkanalbehandlung eine mögliche Ausheilung innerhalb von drei Monaten abgewartet werden, bevor die Parodontitistherapie eingeleitet wird. Bei eindeutigen parodontalen Pathologien (Stadium III bis IV) sollte die systematische Parodontitistherapie parallel oder direkt im Anschluss begonnen werden. Parodontal-chirurgische Eingriffe (Stufe 3 der Parodontitistherapie) sollten jedoch erst nach Abschluss der Wurzelkanalbehandlung vorgenommen werden. Eine Reevaluation sollte nach zirka sechs Monaten erfolgen.

Fazit für die Praxis

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Entscheidend für die Prognose sind bei kombinierten EPLs die eingehende Diagnostik und eine daraus resultierende möglichst genaue Bestimmung der Ätiologie und des Läsionsausmaßes. Während primär-endodontische Läsionen eine gute Prognose aufweisen, reduzieren sich die Erfolgschancen bei echten kombinierten Fällen und mit Ausmaß der Schädigung des parodontalen oder dentalen Hartgewebes. Fortgeschrittene Wurzelschädigungen jeder Art, Perforationen, Frakturen, Resorptionen oder Fehlbildungen sind prognostisch sehr kritisch zu sehen und sollten nur mit der nötigen Expertise und Fachwissen durchgeführt werden oder an spezialisierte Behandlerinnen und Behandler überwiesen werden. Die Patienten sollten vollumfänglich über Ablauf, mögliche Komplikationen und Erfolgschancen aufgeklärt sein und den Erhaltungsversuch mit reduzierter Prognose, auch bei privater Kostenaufstellung, wünschen. Ist bei EPL eine endodontische Therapie indiziert, sollte immer mit dieser begonnen werden. Bei primär endodontischen Ätiologien kann vor dem Beginn der parodontalen Behandlung eine initiale Heilung abgewartet werden. Bei eindeutiger parodontaler Beteiligung kann die Parodontitistherapie parallel oder direkt nach Abschluss der Wurzelfüllung begonnen werden.

Fallbeispiel

Eine 60-jährige Patientin stellte sich im Oktober 2024 mit Überweisung zur endodontischen Mitbehandlung der Zähne 15, 22, 26 nach kürzlich begonnener wiederholter systematischer Parodontitistherapie (Juni 2024) vor.

Anamnese

Z. n. PA-Therapie mit adjuvanter Antibiotikagabe 2022, Z. n. Herzinfarkt 11/2023, Z. n. Stentinsertion 11/2024, bis 2023 Nikotinabusus 15 py (pack years); Medikation: ASS, Prasugrel, Ramipril, Metoprolol, Amlodipin, Rosuvastatin, Pantoprazol, Ezetimib.

Befunde (Abb. 7 und 8)

  • Sensibilitätsprüfung: Zahn 15 +, 22 – (Wurzelkanalbehandlung begonnen, Z. n. Abszess) und 26 +
  • Perkussionstestung: Zahn 15 -, 22 +, 26 leicht +
  • Sondierungstiefen zirkulär in mm (mv, v, dv, do, o, mo):
  • Zahn 15 (5, 2, 8, 8, 6, 7)
  • Zahn 22 (7, 2, 7, 6, 4, 6)
  • Zahn 26 (6, 3, 7, 13, 6, 6)
  • BOP + und starker Pusabfluss über den Parodontalspalt an den Zähnen 15, 22 und 26
  • Lockerungsgrade: Zahn 15, 22, 26: II
  • Furkationsbefall: Zahn 26: II
  • Röntgenologische Befunde
  • Zahn 15: fortgeschrittener parodontaler Knochenabbau bis in das apikale Wurzeldrittel mit Verbindung zum Apex
  • Zahn 22: fortgeschrittener parodontaler Knochenabbau bis in das mittlere Wurzeldrittel, ausgedehnte apikale Aufhellung
  • Zahn 26: fortgeschrittener parodontaler Knochenabbau bis in das mittlere Wurzeldrittel, apikale Aufhellung der palatinalen Wurzel
Abb. 7: Röntgenologischer Ausgangsbefund: OPG 2/2024.Müller
Abb. 7: Röntgenologischer Ausgangsbefund: OPG 2/2024.
Abb. 8: Parodontologischer Ausgangsbefund 6/2024.Müller
Abb. 8: Parodontologischer Ausgangsbefund 6/2024.

Diagnosen

Endo-Paro-Läsionen an den Zähnen 15, 22, 26 (primär parodontale Ätiologie); ausgeprägter Knochenverlust an den Zähnen 36, 37,47 mit fraglicher endodontischer Beteiligung; generalisierte Parodontitis Stadium IV Grad C; submuköser Abszess regio 22; DD: radikuläre Zyste regio 22.

Therapie:

Der Zahn 22 wurde bei einer Abszedierung im Oktober 2024 als Schmerztherapie trepaniert, eine medikamentöse Einlage mit Kalziumhydroxid eingelegt und eine Inzision durchgeführt.

Die systematische Parodontitistherapie wurde weitergeführt. Die Zähne 15, 22, 26 wurden im Januar 2025 nach der Längenbestimmung vollständig aufbereitet und eine medikamentöse Einlage mit Kalziumhydroxid eingebracht (Abb. 9a bis g). Nach längerer medikamentöser Einlage bestanden zum Zeitpunkt der Befundevaluation (BEV) (Abb. 10) bereits Beschwerdefreiheit sowie eine Verbesserung des subjektiven Lockerungsgefühls der Zähne. An den betreffenden Zähnen erfolgte die Desinfektion des Wurzelkanalsystems mit NaOCl und EDTA in Wechselspülung unter Schallaktivierung. Die Obturation wurde nach Trocknung der Kanäle mit Guttaperchapoints und AH Plus Sealer mit warm-vertikaler Kondensation vorgenommen.

Zum Zeitpunkt der UPT 3C bestand kein Pusabfluss aus dem Parodontalspalt mehr und die Sondierungstiefen waren auf maximal 4 bis 5 mm mit geringfügigem BOP an den betroffenen Zähnen reduziert (Abb. 11).

Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. a) Ausgangsbefund Zahn 22 7/2022,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. a) Ausgangsbefund Zahn 22 7/2022,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. b) Z. n. Abszess ausgehend von Zahn 22 10/2024,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. b) Z. n. Abszess ausgehend von Zahn 22 10/2024,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. c) Obturationskontrolle Zahn 22 5/2025,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. c) Obturationskontrolle Zahn 22 5/2025,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. d) Ausgangsbefund Zahn 15 3/2024,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. d) Ausgangsbefund Zahn 15 3/2024,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. e) Obturationskontrolle Zahn 15 5/2025,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. e) Obturationskontrolle Zahn 15 5/2025,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. f) Ausgangsbefund Zahn 26 3/2024,Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. f) Ausgangsbefund Zahn 26 3/2024,
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. g) Obturationskontrolle Zahn 26 9/2025.Müller
Abb. 9a–g: Fallbeispiel, röntgenologische Diagnostik im Behandlungsverlauf. g) Obturationskontrolle Zahn 26 9/2025.
Abb. 10: Fotodokumentation Oberkiefer Z. n. Befundevaluation 01/25Müller
Abb. 10: Fotodokumentation Oberkiefer Z. n. Befundevaluation 01/25
Abb. 11: Parodontalbefund UPT 3C 9/2025; Behandlung durch Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Universitätsklinik Freiburg; Dr. S. Stocker (Parodontitistherapie) und Dr. M. Müller (endodontische Behandlung).Müller
Abb. 11: Parodontalbefund UPT 3C 9/2025; Behandlung durch Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Universitätsklinik Freiburg; Dr. S. Stocker (Parodontitistherapie) und Dr. M. Müller (endodontische Behandlung).

Autorinnen: Dr. Maxi Müller1, PD Dr. Anne Kruse1

1Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetterstraße 55, 79106 Freiburg

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