|
Getting your Trinity Audio player ready...
|
In der Leitlinie wird die fächerübergreifende Kooperation betont. Warum ist diese aus Ihrer Sicht inzwischen besonders wichtig oder wichtiger geworden?
Prof. Dr. Terheyden: Bei komplexen Zahnnichtanlagen gliedert sich die kaufunktionelle Rehabilitation meistens in mehrere Teilschritte, zum Beispiel die humangenetische Abklärung, die kieferorthopädische Pfeilerpositionierung, gefolgt von der Implantatchirurgie und später von der Implantatprothetik, um für die jungen Patientinnen und Patienten ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Diese Einzeldisziplinen integrieren sich damit ins Team. Das schafft ein Gegengewicht zu Vereinzelungstendenzen zum Beispiel durch die Ökonomisierung der Medizin.
Prof. Dr. Lux: Die Kieferorthopädie hat sich in den letzten Jahren sehr stark interdisziplinär ausgerichtet und kann für viele Behandlungsmaßnahmen – sowohl beim Lückenschluss als auch bei einer geplanten implantologischen/prothetischen Versorgung von fehlenden Zähnen eine wertvolle Unterstützung sein, da manche Situationen ansonsten nur sehr kompromissbehaftet versorgt werden könnten. Diese Leitlinie ist aus meiner Sicht ein gelungenes Beispiel, dass in komplexen Fällen die Bewertung durch mehrere Fachdisziplinen sinnvoll ist, um für den Patienten das wirklich beste Ergebnis zu erzielen.
Dr. Tetsch: Für Nichtanlagen zählt, dass viele Behandlungsstrategien zu einem Ziel führen können. Wer nicht jeden Tag mit dem Thema in der Praxis zu tun hat, kann die sinnvollen Therapiemöglichkeiten der verschiedenen Fachrichtungen hier nachlesen und mit seinen Patienten zusammen eine zielführende Behandlung planen.
Gibt es eine Maßnahme oder einen denkbaren Fehler, die oder den man nach neuesten Kenntnissen in der Therapie unbedingt vermeiden sollte?
Prof. Dr. Terheyden: Wenn Zahnimplantate ohne suffiziente Planung und ohne ausreichenden Knochen in Kompromisspositionen eingesetzt werden, dann können sie sich später entzünden oder anderweitige Probleme schaffen. Idealerweise werden bei Patienten mit komplexen Zahnnichtanlagen die Zahnimplantate einmal im Leben gesetzt, dann aber mit möglichst wenig Kompromissen, guter Vorbereitung und mit chirurgischer Expertise in Abhängigkeit von der Fallkomplexität. Die Implantatchirurgie von jungen Patienten mit Nichtanlagen unterscheidet sich von der üblicheren Versorgung von älteren Patienten, die Zähne aus dem Bestand verloren haben.
Prof. Dr. Lux: Ja, man sollte nicht zu dogmatisch an dieses Thema herangehen, d.h. man sollte vermeiden, immer den kieferorthopädischen Lückenschluss oder immer die implantologische bzw. prothetische Therapie als beste Option anzusehen. Das sehr patientenindividuelle Vorgehen wird in der Leitlinie auch entsprechend herausgearbeitet. Die Kieferorthopädie hat sich in den letzten Jahren, z.B. durch die immer besser werdende skelettale Verankerung (sog. Minischrauben etc), sehr weiterentwickelt. Der Indikationsbereich ist größer geworden, aber trotzdem kann man in einem großen Kiefer mit kleinen Zähnen nicht immer jede Lücke kieferorthopädisch schließen, genauso wie nicht immer ein Implantat gesetzt werden kann.
Dr. Tetsch: In meinen Augen sind die größten Behandlungsfehler unklare Therapiekonzepte. Wenn eine Entscheidung zum Lückenschluss getroffen wurde, dann macht es wenig Sinn, drei Jahre später den Weg wieder umzukehren, um eine Implantat-prothetische Versorgung anzustreben.
Hat die Leitlinienarbeit Ihr persönliches Vorgehen bei der Behandlung beeinflusst oder sogar verändert – und wenn ja warum und was machen Sie anders?
Prof. Dr. Terheyden: Ich lege mehr Wert auf die humangenetische Abklärung syndromaler und nonsyndromaler Fälle von Oligodontien, inklusive der Erhebung der Familienanamnese.
Prof. Dr. Lux: Leitlinienarbeit schult in besonderer Weise, in einem Planungs- und Diagnoseprozess die vielen verschiedenen Denkweisen und Therapieansätze wahrzunehmen. Vor jeder kieferorthopädischen Behandlung schaue ich mir regelhaft an, ob durch zusätzliche Maßnahmen, die beispielsweise das Parodont oder die orofaziale Funktion betreffen, die Voraussetzungen für nachfolgende kieferorthopädische Maßnahmen oder die Langzeitstabilität verbessert werden können.
Dr. Tetsch: Ich persönlich habe über 30 Jahre Erfahrung mit der Therapie von Nichtanlagen und habe schon damals interdisziplinär mit Kieferorthopäden zusammengearbeitet. Je mehr Zähne fehlen und je asymmetrischer die Nichtanlagen sind, umso wichtiger ist die interdisziplinäre Therapie, um die natürliche vorhandene Bezahnung sinnvoll „einzusortieren“. Das Ergebnis sollte nach Behandlungsende in Funktion und Ästhetik so natürlich wie möglich sein. Bei der Leitlinienarbeit erhält man immer die Einblicke der anderen Fachrichtungen und so auch immer einen sehr guten fachlichen Austausch.
Welcher Patient/welche Patientin mit Zahnnichtanlagen waren für Sie in jüngster Zeit eine besondere Herausforderung?
Prof. Dr. Terheyden: Zahntransplantate sind enorm hilfreich bei Nichtanlagen, weil sie einen vollwertigen Zahn ohne jegliches Fremdmaterial schaffen können, und das schon im Wachstumsalter. Hier ist das Timing und die interdisziplinäre Absprache wichtig, so dass zum Beispiel die Empfängerlücke zuvor kieferorthopädisch erweitert wird und man diese Zähne im besten Wurzelentwicklungsstadium transplantieren kann. Wenn dieser Zeitpunkt verpasst wird, dann geht den jungen Patientinnen und Patienten häufig eine wichtige zahnerhaltende Option verloren.
Prof. Dr. Lux: Besonders die jungen Patienten mit extrem wenig Zahnanlagen zeigen uns auf, dass wir mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachrichtungen zusammen nach der besten Lösung suchen müssen. Wir müssen die Kinder neben der Behandlung mit Blick auf Kaufunktion und Kieferentwicklung auch psychoemotional gut durch die Pubertät bringen. Es gilt beispielsweise die Ausgrenzung in der Schule zu vermeiden. Diese Fälle sind eine besondere Herausforderung.
Dr. Tetsch: Zwei Patienten fallen mir sofort ein: ein junges Mädchen auf dem Weg zu einer Opernsängerin in Wien, bei der wir Nichtanlagen der oberen seitlichen Schneidezähne perfekt implantat-prothetisch nach kieferorthopädischer Vorbehandlung rehabilitiert haben. Für eine Sängerin im Rampenlicht extrem wichtig.
Der zweite Patient hatte Teilsymptome einer ektodermalen Dysplasie mit Fehlen von 20 Zähnen und einer rudimentären Entwicklung der Restbezahnung, den wir interdisziplinär kieferorthopädisch, implantat-prothetisch und adhäsiv-prothetisch versorgt haben. Familiäre Tränen der Freude und Begeisterung sind eine großartige Anerkennung unserer Arbeit.
Zur Leitlinie: LL_083-024_S3_Zahnnichtanlagen_Syndrome_fin.pdf
Quelle: DGI
Entdecke CME Artikel



Keine Kommentare.