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Dr. Catherine Kempf (Abb. 1) überschrieb ihren Vortrag mit der bezeichnenden Frage „Was ich seh’, ist UAW?“ Denn wie sich zeigte, ist es oft gar nicht so einfach, die wahre Ursache eines Befundes in der Mundhöhle zu erkennen und es muss nicht immer das Naheliegende sein.
Zahnärztekammer Nordrhein / KaliszewskiViele extraorale Einflüsse können sich auf die Mundgesundheit auswirken – darunter systemische Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Leukämie, verhaltensbedingte Störungen wie Bulimie, Verletzungen sowie die UAW. Die erweiterte Definition der UAW umfasst alle schädlichen, unbeabsichtigten Reaktionen, die sowohl beim bestimmungsgemäßen Gebrauch als auch infolge von Überdosierung, Fehl- und Missbrauch oder Medikationsfehlern auftreten. Dr. Kempf betonte, dass auch Anwendungsfehler seitens der Patientinnen und Patienten häufig seien. UAW treten nicht nur oft auf, sondern sind auch klinisch relevant: Sie verursachen laut Kempf 5–10% der Krankenhausaufnahmen und 6,5% der Notfälle.
Ein breites Spektrum oraler Befunde kann durch Medikamente ausgelöst werden – von der häufigen Xerostomie bis hin zum seltenen, potenziell lebensbedrohlichen Angioödem, das auch durch zahnärztliche Eingriffe getriggert werden kann. Kempf stellte zwölf verschiedene Befunde vor, die medikamentenbedingt auftreten können, oft ausgelöst durch ganze Wirkstoffgruppen.
Zu den „Spitzenreitern“ unter den UAW zählt die Xerostomie: Über 400 Medikamente können Mundtrockenheit verursachen, darunter viele Psychopharmaka. Auch Blutungen und Gerinnungsstörungen lassen sich häufig auf Medikamente zurückführen, z. B. auf Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS oder Clopidogrel, Antikoagulanzien wie Marcumar, Xarelto, Lixiana, Pradaxa und Eliquis sowie auf nichtsteroidale Antiphlogistika/Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac. Gingivaveränderungen – bis hin zur Gingivahyperplasie – treten ebenfalls häufig auf und können neben der naheliegenden Erklärung, einer mangelnder Mundhygiene, auch systemische Erkrankungen als Ursache haben, wie Leukämie oder Morbus Crohn. Eine durch Metamizol induzierte Agranulozytose kann sogar lebensbedrohlich sein.
Mundgeruch durch Vaginalcreme
Medikamente können auch Zahnhartsubstanzdefekte durch Erosion, Attrition und Karies verursachen. Für Erstaunen beim Publikum sorgte der Hinweis, dass manche Urologika Zähneknirschen auslösen können. Mundgeruch kann auf das Konto von Antihypertensiva gehen wie Calciumantagonisten. Auch Psychopharmaka, z.B. Antidepressiva sowie Antiepileptika, Immunsuppressiva, Antibiotika und sogar Urologika, z.B. eine Vaginalcreme, die Clindamycin enthält, können diese Nebenwirkung ebenso hervorrufen. Hypersalivation wiederum tritt unter anderem unter Psychopharmaka, Parkinson-Medikamenten oder Asthmamedikation auf. Weitere mögliche Befunde umfassen Geschmacksstörungen, Brennen, Zungenbeläge, Zahnverfärbungen sowie Knochenveränderungen wie medikamentenassoziierte Osteoporose und Osteonekrosen.
Dr. Kempf hob hervor, dass UAW oft dosis-, alters- und teilweise geschlechtsabhängig sind und teils eine Umstellung der Medikation erforderlich machen. Auch in der Zahnarztpraxis verordnete Medikamente bergen Risiken. Sie erinnerte daran, dass Clindamycin zur Endokarditis-Prophylaxe nach aktuellen Leitlinien nicht mehr empfohlen wird – eine Information, die für Eingriffe mit hohem Risiko bei Patientinnen und Patienten mit Herzklappenersatz relevant ist.
Wer Medikamente verordnet, sollte sich stets in Erinnerung rufen, dass Patientinnen und Patienten medizinische Laien sind und auch die Medikamenteneinnahme oft nicht selbsterklärend ist. So decken Studien verblüffende Einnahmefehler auf: Teils werden Tabletten samt Blisterverpackung geschluckt, die Anwendungsweise oral und anal verwechselt und Brausetabletten „trocken“ eingenommen [1]. Auch das Timemanagement überfordert manche Patienten: Zweimal täglich sollte als alle 12 Stunden näher erklärt werden. Kommunikation ist auch ein wichtiger Punkt um Nocebo-Effekt zu vermeiden. Wer über „häufige“ (=10%ige Wahrscheinlichkeit) Nebenwirkungen spricht, löst die Erwartungshaltung, dass der Negativeffekt eintritt, aus.
Befunde erst nehmen und abklären
„Das Menschliche kann man nicht durch KI ersetzen“, stellte Dr. Kempf mit Bezug auf die Anamnese in der Zahnarztpraxis fest. Praxismitarbeitende sehen einen Befund, etwa Gingivitis. Dafür können unterschiedlichste Ursachen verantwortlich sein. Gleich auf eine schlechte Mundhygiene zu schließen, wird in manchen Fällen weitergehende Ursachen ausblenden. Etwa ein Diabetes, Leukämie oder eine UAW können ebenso zugrunde liegen. Um die tatsächliche Ursache zu entdecken, muss der gesamte Mensch ins Auge gefasst werden. Eben dies könne nicht einer KI überlassen werden. Die Kompetenz, genau hinzuschauen und eine Erklärung für einen Befund durch orale oder extraorale Erkrankung oder durch krankheits-assoziierte Verhaltensmuster zu suchen, liege bei Behandler und Team, ebenso wie die Übernahme der Verantwortung für Erhalt der Lebensqualität und für das Wohlergehen des Patienten oder der Patientin.
Fazit
Ein fundiertes Verständnis der UAW hilft, Befunde korrekt zu interpretieren, geeignete therapeutische Konsequenzen zu ziehen und unnötige Komplikationen durch Medikationen zu vermeiden.
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