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Frau Prof. Dr. Bizhang, was hat Sie persönlich daran gereizt, als Jurorin bei der VOCO Dental Challenge dabei zu sein?
Ich bin selbst viel in der Forschung unterwegs. Mich reizt vor allem, die neue Generation und den wissenschaftlichen Nachwuchs kennenzulernen: zu sehen, woran sie arbeiten, wie sie an ihre Themen herangehen und wie sie ihre Ergebnisse präsentieren.
Wie gut kennen Sie die Themen der Teilnehmenden bereits, bevor die Vorträge beginnen?
Wir erhalten vorab zu jedem Vortrag einen Abstract. So haben wir bereits eine grobe Vorstellung von den Inhalten und Zielen der einzelnen Forschungsarbeiten und können gut vorbereitet in die Dental Challenge starten.
Wenn es um die Auswahl der Finalistinnen und Finalisten geht: Worauf kommt es für die Jury besonders an?
Wir schauen uns an, wie souverän jemand vorträgt – und vor allem, wie die Vortragenden anschließend auf Fragen reagieren. Das Studiendesign an sich können wir nur eingeschränkt bewerten. Es handelt sich meist um Promotionsarbeiten, die unter Betreuung entstehen; für das Design der Arbeit ist in der Regel der Betreuer oder die Betreuerin verantwortlich. Für uns ist deshalb besonders wichtig: Kennen die Vortragenden die Limitationen ihrer Arbeit? Wissen sie, was sich aus den Erkenntnissen ableiten lässt? Verstehen sie also wirklich, was die Ergebnisse ihrer Studie bedeuten? Und in dieser Hinsicht waren heute deutlich mehr als drei Teilnehmende wirklich gut. Deshalb haben wir auch lange diskutiert.
Tatsächlich gab und gibt es bei der VOCO Dental Challenge auch immer wieder bereits promovierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Ja, das ist korrekt. Und auch in diesem Jahr befanden sich die Teilnehmenden nicht alle auf derselben Stufe ihrer wissenschaftlichen Karriere. Einige verfügten aufgrund ihres bisherigen Werdegangs bereits über mehr Routine in der Forschung und in der Präsentation wissenschaftlicher Arbeiten, während andere noch am Anfang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn standen und ihre ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet sammelten. Für die Jury ist dieser unterschiedliche Erfahrungshintergrund jedoch kein Bewertungskriterium. Es obliegt uns nicht, den bisherigen wissenschaftlichen Werdegang oder die individuelle Erfahrung der Teilnehmenden in die Bewertung einzubeziehen. Unsere Aufgabe besteht vielmehr darin, die Qualität der jeweiligen Präsentationen zu beurteilen und zu entscheiden, welche Vorträge insgesamt am überzeugendsten waren.
Und woran machen Sie während eines Vortrags fest, ob ein Projekt überzeugend präsentiert wird?
Wir achten beispielsweise darauf, ob die Forschungsfrage und die Hypothese klar verstanden werden, ob die Methodik nachvollzogen werden kann und ob die Ergebnisse korrekt interpretiert werden. Besonders wichtig ist für uns, ob die Vortragenden die Limitationen ihrer eigenen Arbeit kennen und in der Lage sind, die Aussagekraft ihrer Ergebnisse realistisch einzuschätzen. Auch die anschließende Diskussion ist dafür sehr aufschlussreich. Wie reagiert jemand auf kritische Fragen? Kann die Person die eigenen Entscheidungen wissenschaftlich begründen? Und erkennt sie, wo die Grenzen der eigenen Daten liegen? Wenn wichtige Aspekte im Vortrag fehlen und wir dazu erst nachfragen müssen, ist das eine Schwachstelle.
Was macht für Sie eine wirklich gute wissenschaftliche Arbeit auf Promotionsniveau aus?
Ein wesentliches Merkmal ist die Fähigkeit zur kritischen Reflexion der eigenen Arbeit. Es ist wichtig, Grenzen und offene Fragen der eigenen Forschung klar benennen zu können. Man sollte Schwachstellen selbst erkennen, ihre Konsequenzen einordnen und daraus ableiten können, wie sich die Arbeit künftig optimieren oder weiterentwickeln lässt. Entscheidend ist auch die Frage: Was ist der nächste Schritt in diesem Forschungsbereich?
Gibt es typische Stolpersteine, die Ihnen bei Nachwuchsarbeiten immer wieder begegnen?
Ein häufiger Punkt ist eine nicht ausreichend präzise formulierte Forschungsfrage oder Hypothese. Denn wenn die Hypothese nicht stimmt, wird es schwierig, auch den Rest der Arbeit plausibel vorzustellen. Ein weiterer Stolperstein ist häufig die Statistik: Werden die richtigen Tests verwendet? Und werden aus den statistischen Daten die richtigen Konsequenzen gezogen? Zum Beispiel: Sind festgestellte Abweichungen klinisch relevant oder eher vernachlässigbar? Man darf beim Blick auf die Details nicht den Blick für das große Ganze verlieren und sollte auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Gerade am Anfang wissenschaftlicher Arbeit passiert es schnell, dass man sich sehr in den Details der eigenen Forschung verliert. Ziele sollten vorher klar definiert – nicht erst nachträglich aus den Ergebnissen abgeleitet werden.
Die Vorträge der diesjährigen VOCO Dental Challenge beschäftigten sich mit innovativen Materialien und Technologien für Zahnersatz und Zahnerhaltung – von CAD/CAM- und 3D-Druck-Verfahren über Komposite und Dentaladhäsive bis hin zu minimalinvasiven und laserunterstützten Behandlungsmethoden. Welche Themen beschäftigen die dentalmedizinische Forschung derzeit darüber hinaus besonders?
Das ist schwierig zu pauschalisieren, weil es in jedem Bereich neue und relevante Aspekte gibt. Es gibt nicht das eine einzige Thema. In der Diagnostik ist Künstliche Intelligenz gerade sehr präsent. Digitales Arbeiten spielt in der Fertigung eine wichtige Rolle. In der Zahnerhaltung liegt ein wesentlicher Schwerpunkt weiterhin auf der Prävention und frühzeitigen Behandlung von Karies sowie auf minimalinvasiven Therapiekonzepten. Gleichzeitig gewinnen individualisierte diagnostische und therapeutische Ansätze zunehmend an Bedeutung. Ich denke, jedes Gebiet hat seine eigenen wichtigen Fragestellungen – und es gibt noch sehr viele Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.
Kürzlich war ich bei meinem Bruder in den USA. Er ist Gynäkologe, und in seiner Praxis wird KI bereits bei der Anamnese eingesetzt: Die Patientinnen und Patienten erzählen, die KI filtert relevante und irrelevante Informationen, verschriftlicht diese und stellt eine Diagnose. Die ärztliche Kontrolle und Validierung bleiben dabei selbstverständlich erforderlich. Auch in Zahnarztpraxen werden KI-Systeme sicher irgendwann viele Aspekte des Praxisalltags übernehmen. Bei der Abrechnung könnte ich mir das zum Beispiel gut vorstellen. Durch die neue Technik wird sich im Laufe der Zeit vieles verändern.
Und welche Rolle spielen Wettbewerbe wie die VOCO Dental Challenge für das Zusammenspiel von Forschung, Praxis und Industrie, Ihrer Meinung nach?
Eine große Rolle. Ich finde, die Industrie ist ein guter Partner, denn es gibt viele Dinge, die wir an der Universität allein nicht schaffen können. Die Industrie ist häufig schneller in der Entwicklung und Forschung, produziert aber natürlich auch selbst. Deshalb braucht sie unabhängige Partner. Gleichzeitig profitieren auch die Unternehmen von der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Universitäre Forschung kann neue Fragestellungen und innovative Ideen hervorbringen, die gemeinsam mit Industriepartnern weiterentwickelt und in konkrete Anwendungen überführt werden können. Auch ist die Universität ein guter Partner für die Industrie, um neue Entwicklungen unabhängig zu überprüfen. Für die Praxis wiederum ist es beruhigend, wenn Produkte von universitärer Seite geprüft werden. Ich sehe deshalb eine Art Kreislauf: Die Wissenschaft entwickelt neue Erkenntnisse und Ideen, die Industrie kann daraus gemeinsam mit den Forschenden innovative Produkte und Technologien entwickeln, und die Praxis bringt wiederum konkrete Anforderungen und Fragestellungen aus dem klinischen Alltag ein. Im Idealfall ergänzen sich diese drei Bereiche und tragen gemeinsam dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse in einen praktischen Nutzen für die Patientinnen und Patienten zu überführen.
Zum Schluss: Was möchten Sie den Teilnehmenden der VOCO Dental Challenge mit auf den Weg geben?
Ich würde ihnen vor allem sagen: Es ist toll, dass Sie mitgemacht haben. Ich finde das super. Sie sollten ihren Weg weitergehen – wir brauchen den Nachwuchs. Die Wissenschaft leidet darunter, dass es immer weniger Nachwuchskräfte gibt. Deshalb sollten wir Menschen, die mutig sind und ihre Arbeit vorstellen, unbedingt motivieren und fördern.
Vielen Dank für das interessante, angenehme Gespräch, Frau Prof. Dr. Bizhang!
Über die VOCO Dental Challenge
Die VOCO Dental Challenge der in Cuxhaven ansässigen VOCO GmbH ist ein Forschungswettbewerb für junge Dentalwissenschaftlerinnen und Dentalwissenschaftler. Jedes Jahr im Herbst erhalten Teilnehmende von Universitäten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse in Kurzpräsentationen vor einer dreiköpfigen, unabhängigen Fachjury vorzustellen. Die Leistungen der Preisträgerinnen und Preisträger werden mit attraktiven Geldpreisen sowie Publikationsförderungen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten honoriert.
Die Gewinner der VOCO-Dental Challenge 2026 sind:
- Dr. Ella Ohlsson (FAU Erlangen-Nürnberg, Zahnklinik 1 – Zahnerhaltung und Parodontologie) mit dem Vortrag zum Thema: „Zytotoxizität selbstadhäsiver Komposit-Befestigungszemente: Ein In-vitro-Vergleich im Dentinbarriere-Kultursystem“
- Dr. Theresa Fischer (Universität Zürich, Klinik für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin) mit dem Vortrag zum Thema: „Shrinkage kinetics of conventional vs. fiber-reinforced composites using high-intensity photo-activation“
- Philipp Laib (RWTH Aachen, Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde ) mit dem Vortrag zum Thema: „Minimalinvasive Kompositentfernung mittels Fluoreszenz-Identifikation“
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