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Nichts mehr zu machen?

Wie moderne Mikrochirurgie selbst große Zungendefekte funktionell rekonstruieren kann

Die moderne Mikrochirurgie ermöglicht heute auch bei großen Zungendefekten nach Tumoroperationen komplexe funktionelle Rekonstruktionen. Im Fokus steht dabei die Wiederherstellung von Volumen, Form und Funktion der Zunge durch mikrovaskuläre Lappenplastiken sowie die interdisziplinäre Rehabilitation der Patientinnen und Patienten.

Ein Arzt schaut in den Mund von einem Patienten. pch.vector/freepik
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1. Die Zunge als zentrales Organ der Mundhöhle

Um die chirurgische Herausforderung bei Zungenkrebs zu verstehen, hilft ein kurzer Selbstversuch.

Achten Sie bitte einmal darauf, wie viel Platz Ihre Zunge gerade in Ihrem Mund einnimmt, während Sie hier sitzen und zuhören. Sie werden feststellen: Die Zunge füllt die Mundhöhle im Ruhezustand nahezu vollständig aus und hat zu allen Seiten Kontakt mit den umliegenden Strukturen. Es gibt dort kaum „leere Luft“.

Genau hier liegt das Problem bei einer Tumoroperation:

  • Fehlt dieses Volumen, kann die Zunge keinen Kontakt mehr zum Gaumen oder zu den Zähnen aufbauen.
  • Ohne diesen Kontakt ist weder die Artikulation noch der Transport von Nahrung (der Schluckakt) technisch möglich.
  • Nach Tumorresektionen entsteht ein funktioneller Hohlraum, den wir chirurgisch präzise rekonstruieren müssen, um ein Mindestmaß an Funktion wiederherzustellen.

2. Die klinische Ausgangslage: Salvage-Situationen

In der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie begegnen uns besonders komplexe Fälle in sogenannten Salvage-Situationen. Das sind Patient/-innen, bei denen nach einer bereits erfolgten Tumortherapie (OP und/oder Radiochemotherapie) der Tumor zurückkehrt.

Hier sind die nicht chirurgischen potenziell heilenden Optionen meist ausgeschöpft. Lange galt die vollständige Entfernung der Zunge in diesem Stadium zwar als lebensrettend, aber funktionell verheerend. Dank moderner mikrovaskulärer Techniken können wir heute jedoch Defekte bis hin zur totalen Entfernung der Zunge (Glossektomie) so versorgen, dass eine zufriedenstellende Lebensqualität erhalten bleibt.

Herr Anke, der sich auch selbst noch in einer Videosequenz zu dem Verlauf äußern wird, wurde uns mit einer solchen Situation nach bereits im Vorjahr erfolgter Tumorresektion am rechten Zungenrand, Lymphknotenausräumung beidseits und adjuvanter Strahlentherapie von extern zugewiesen. Das Rezidiv, also der zurückgekehrte Zungenkrebs, wurde radiologisch und klinisch aufgrund der Größe und Ausdehnung als cT4 (klinisch ausgedehnter) Tumor eingestuft und grenzte bei Infiltration des Zungengrundes und des Mundbodens breitflächig an die Mandibula rechtsseitig an. Grundsätzlich ist in solchen Fällen eine sichere Differenzierung von postoperativen und postradiogenen Veränderungen und den Tumorgrenzen klinisch und radiologisch sehr schwer. Gleichzeitig ist ein konsequentes Vorgehen für die komplette Entfernung und somit das Überleben des Patienten entscheidend, weshalb die Entscheidung für eine nahezu vollständige, also sogenannte subtotale Glossektomie (Zungenentfernung) mit Resektion der angrenzenden Mandibula getroffen wurde.

3. Konzepte der Rekonstruktion: Form folgt Funktion

Nach Entfernung des Tumors ist das Ziel unserer Rekonstruktion, die „Mundhöhle wieder zu füllen“. Dabei geht es um zwei Kernaspekte: Volumen und Form.

Wir präsentieren Ihnen heute einen Fall, bei dem wir mit einem speziellen Lappendesign gearbeitet haben:

  • Das Ghost-Design (nach Schonauer et al. 2024): Hierbei wird eine spezifische, gespenstförmige Hautinsel des anterioren seitlichen Oberschenkels gehoben. Die Geometrie ist entscheidend für die Funktion: Während der zentrale Anteil (der „Kopf“) eine prominente Neozungenspitze formt, erlauben die seitlichen Ausläufer (die „Arme“) eine sehr flexible Abdichtung des Mundbodens.
  • Der Vorteil: Das Design bietet die Möglichkeit, das Transplantat in Zungenform zu falten. Es stellt Form und Volumen zur Zungen-Gaumen-Interaktion wieder her, ohne die Mundhöhle durch ein unnatürlich geformtes Volumen zu blockieren oder die Restbeweglichkeit einzuschränken.
  • Zudem wurde ein Anteil des Musculus vastus lateralis (beschrieben von Charters et al. 2025) mit dem dazugehörigen motorischen Nervenast in das Transplantat integriert, also mit der Hautinsel umwickelt und an Zungenbein und Unterkiefer fixiert. Der seitliche Oberschenkelgefühlsnerv, der sogenannte Nervus cutaneus femoris lateralis, welcher in die Hautinsel des Transplantats zieht, bietet zudem die Möglichkeit einer Wiederherstellung des Gefühls auf dem Hautanteil des Transplantats.
  • Nun wollen wir uns mal anschauen, wie es Herrn Anke jetzt nach der Operation geht.

4. Technische Details: Schrumpfung und Innervation

Ein Transplantat bleibt nicht statisch. Wir müssen zwei biologische Faktoren einkalkulieren:

  1. Volumenerhalt: Gewebe schrumpft nach der Operation, was durch Faktoren wie eine postoperative Bestrahlung oder Wundheilungsstörungen signifikant variieren kann. Um dem entgegenzuwirken, schließen wir motorische Nerven an den Muskelanteil des Transplantats an. Ziel ist es, die Muskelmasse durch Innervation zu erhalten und die Hebung des Zungenbeins zu unterstützen.
  2. Überkonturierung: Dennoch lässt sich die Schrumpfung gerade des Haut- und Unterhautfettgewebes nicht vollständig vermeiden, was eine Überdimensionierung des Transplantats im Rahmen der OP erfordert. Das bedeutet, dass die Rekonstruktion, sofern sie initial die perfekte Größe aufweist, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit längerfristig zu klein sein wird.
  3. Sensibilität: Wir versuchen, den sensiblen, also für das Gefühl zuständigen Zungennerv mikrochirurgisch zu verbinden. Daten zeigen, dass Patient*innen zumindest ab einer Entfernung der halben Zunge davon profitieren (Chang et al. 2015).

5. Interdisziplinäre Rehabilitation und Fazit

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Die Chirurgie ist nur der erste Schritt. Der heute anwesende Patient wurde von Beginn an phoniatrisch (sprach- und schlucktherapeutisch) betreut. Das Wiedererlernen dieser Grundfunktionen ist ein intensiver Prozess, um Komplikationen wie das „Verschlucken“ (Aspiration) zu verhindern und eine psychosoziale Reintegration zu ermöglichen.

Zusammenfassend: Die moderne Mikrochirurgie ist heute in der Lage, selbst bei vermeintlich aussichtslosen Befunden durch komplexe Weichgeweberekonstruktionen die Lebensqualität zu sichern. Herr Anke ist heute, rund acht Monate nach dem Eingriff, weiterhin tumorfrei und belegt durch seine Anwesenheit, dass eine funktionelle Rehabilitation auch bei massivem Gewebeverlust möglich ist.

Quelle: DGMKG

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