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„Die Zahnärzteschaft hat eine Vorbildfunktion für das deutsche Gesundheitswesen – in Prävention und Digitalisierung“, sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken bei der Eröffnung der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) 2025. Sie kündigte mehr Digitalisierung, Bürokratieabbau, eine Novellierung der Zulassungsverordnung, mehr Transparenz bei den Eigentümerstrukturen von MVZ sowie eine bessere Versorgung im ländlichen Raum an. Das klingt nach Aufbruch. Der Wunsch der neu gewählten BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler nach einer Weiterentwicklung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) blieb dabei unerwähnt – obwohl genau dieses Thema zu einer zentralen Messgröße ihrer Amtszeit werden dürfte. Doch während die Politik über Strukturen, Paragraphen und Transparenz spricht und sich die Standespolitik weiterhin stark auf die Hoffnung einer aufgewerteten GOZ fokussiert, kämpfen Zahnarztpraxen tagtäglich mit ganz anderen, deutlich handfesteren Problemen:
- Personalmangel
- steigende Personalkosten
- Führungsfragen
- immer weniger Zeit für Patientinnen und Patienten
Das Kernproblem ist somit nicht die Politik, sondern der Branchenfokus auf das Unbeeinflussbare statt auf das eigene Gestaltungspotenzial.
Warum die GOZ nicht das Problem ist
Als der Punktwert der GOZ 1988 festgelegt wurde, war Helmut Kohl Bundeskanzler. Die Novellierung 2012 brachte kosmetische Anpassungen, aber keine echte strukturelle Veränderung. Und bis heute steht fest: Eine echte, stark aufgewertete neue GOZ ist nicht in Sicht. Trotzdem wird seit Jahrzehnten so viel Energie auf dieses Thema verwendet, dass man mit den Argumentationen ganze Curricula füllen könnte. Die Diskussion ist zum Dauerbrenner geworden – in Kammern, auf Versammlungen, in sozialen Medien, bei Fortbildungen und im Kollegenkreis. Man könnte meinen, der wirtschaftliche Erfolg einer Praxis hinge einzig davon ab, ob ein Punktwert angepasst wird. Doch das ist ein Trugschluss. Während über die GOZ geklagt wird, bleiben die wirklich steuerbaren Themen oft unbeachtet:
- Wie effizient steuere ich mein Unternehmen?
- Wie stark ist meine Arbeitgebermarke?
- Wie gut führe ich mein Team?
- Wie viel Zeit und Geld verliere ich durch mangelnde Personalbindung und Fluktuation?
- Wie klar sind Prozesse und Zuständigkeiten geregelt?
Auf diese Fragen kann jede Praxis Antworten finden – ohne Politik, ohne Paragraphen, ohne neue Gebührenordnung.
Energie in die falsche Richtung
Seit Jahren lässt sich ein mentales Muster beobachten: Statt sich auf das zu konzentrieren, was im Handlungsspielraum des eigenen Unternehmens liegt, richtet sich das kollektive Augenmerk auf politische Rahmenbedingungen. Diese sind zwar grundsätzlich politisch steuerbar – jedoch nur sehr bedingt durch die eigene Branche. Die GOZ wird zum kollektiven Ventil – zur Erklärung für wirtschaftliche Probleme, Personalmangel und Überlastung. Man verweist nach Berlin, auf Kammern oder Ministerien. Während dort diskutiert wird, verpuffen Ressourcen: Geld, Zeit und Motivation. Diese Energieverschwendung zeigt sich in: endlosen Sitzungen, Gremienarbeit, Standesinitiativen und Appellen, die sich seit Jahren im Kreis drehen. Dabei wäre genau diese Zeit dringend nötig, um: die Mitarbeiterführung und Ausbildungsqualität zu verbessern, das Recruiting zu professionalisieren und Praxen unternehmerischer zu führen. Der eigentliche Stillstand liegt nicht in der Geschwindigkeit der Politik, sondern im Warten auf sie.
Realität der Politik – und das Image der Zahnärzteschaft
Politik funktioniert nach Prioritäten. Und Prioritäten werden durch Wählerinnen und Wähler bestimmt. In Zeiten, in denen Pflege, Krankenhausreform, Bildung, Infrastruktur und Sicherheit zu den Top-Themen gehören, stellt sich ernüchternd eine Frage: Wie realistisch ist es, dass eine kostenintensive GOZ-Novellierung politisch priorisiert und trotz möglicher Widerstände durchgesetzt wird? Realistisch betrachtet: gering bis gar nicht. Das Image der Zahnärzteschaft ist in der öffentlichen Wahrnehmung – ob gerechtfertigt oder nicht – nicht das eines benachteiligten Berufsstandes. Viele Menschen sehen Zahnärztinnen und Zahnärzte als wirtschaftlich stabile und privilegierte Berufsgruppe. Das mag unfair sein, erklärt aber politische Zurückhaltung. Politik reagiert auf öffentliche Wahrnehmung. Solange andere Gesundheitsbereiche dramatischere Probleme haben, wird die GOZ nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Das ist keine moralische Bewertung, sondern politische Realität.
Beliebter Beruf – schlechte Bewertung: Die ZFA-Diskrepanz
Ein Beispiel verdeutlicht das Dilemma: Der Beruf der Zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) war 2024 laut Statistischem Bundesamt der drittbeliebteste Ausbildungsberuf junger Frauen. 2025 wurden bundesweit rund 17.396 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Plus von knapp 7,5 % gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig zeigt der Ausbildungsreport 2024: Nur 58,5 % der ZFA-Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden – der niedrigste Wert aller bewerteten Berufe. Die Branche erreicht zwar Interesse, aber keine Bindung. Die Frag ist: Wie kann ein Beruf so beliebt sein – und im Alltag dennoch so unattraktiv erlebt werden? Statt selbstkritischer Analyse heißt es häufig, die Jugend sei „nicht mehr belastbar“ oder „zu anspruchsvoll“. Doch andere Branchen stehen vor denselben gesellschaftlichen Herausforderungen – mit besseren Ergebnissen. Das Problem liegt nicht bei der Politik und nicht bei der Generation Z. Es liegt in der Führungskultur vieler Praxen.
Führung beginnt bei einem selbst
Nico Heinrich und Markus MüllerFührung wird in der Praxis häufig mit Kontrolle verwechselt. Doch wer glaubt, es gehe nur um Ansagen und Disziplin, greift zu kurz. Echte Führung beginnt dort, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen. Viele Konflikte entstehen nicht durch Inkompetenz im Team, sondern durch mangelnde Reflexion an der Spitze. Wer: kaum Feedback einholt, Kritik nicht konstruktiv verarbeitet, keine Fehler zugibt, Entscheidungen nicht transparent macht und Mitarbeitende nicht einbindet sendet ein klares Signal: Kontrolle und Ego stehen über Vertrauen. Doch Vertrauen und psychologische Sicherheit sind die Grundpfeiler moderner Führung. Führung ist keine Gabe, sondern eine erlernbare Kompetenz auf Basis fundierter Erkenntnisse aus Psychologie, Pädagogik und Organisationslehre. Die Folgen guter Führung: Die ZFA-Diskrepanz: Wie kann ein Beruf so beliebt sein und im Alltag dennoch als so unattraktiv erlebt werden?
- ehrlichere Mitarbeitergespräche
- weniger unterschwellige Konflikte
- nachvollziehbarere Entscheidungen
- höhere Wertschätzung
- steigende Zufriedenheit und Engagement
Führung ist Arbeit an sich selbst – und genau das unterscheidet Vorgesetzte von echten Führungspersönlichkeiten.
Unternehmerisches Denken statt Jammern
Eine Zahnarztpraxis ist nicht nur ein Behandlungszimmer – sie ist auch ein Unternehmen. Und jedes Unternehmen braucht Kennzahlen, Strukturen und eine Strategie. Wichtige KPIs in der Personalarbeit sind:
- Fluktuationsrate = Abgänge / durchschnittlicher Personalbestand × 100 [1]
- Krankenstandsquote [2]
- Cost per Hire (CPH) = Gesamtkosten der Personalgewinnung / Anzahl der Einstellungen [3]
- Time to Hire [4]
- Team-NPS (Weiterempfehlungsrate) [5]
Beispiel Fluktuationsrate
Praxis mit 11 Mitarbeitenden, 4 Abgängen und 2 Zugängen:
- Durchschnittlicher Personalbestand: (11 + 9) / 2 = 10
- Fluktuationsrate: 4 / 10 × 100 = 40 %
| Fluktuationsrate | Einordnung | Bedeutung |
| 0–10 % | sehr gesund | • stabiles Team mit hoher Bindung, meist gutes Führungsverhalten & funktionierende Prozesse, Idealzustand, vor allem bei eingespielten Praxen |
| 10–20 % | normal | vereinzelte Wechsel (z.B. Umzug, Elternzeit, Karrierewechsel), typisch für wachsende oder modernisierende Praxen, kein Alarm, aber Ursachen im Blick behalten |
| 20–30 % | kritisch | deutliche Unruhe im Team, oft strukturelle Probleme (Führung, Arbeitszeiten, Überlastung), Handlungsbedarf, sonst droht Qualitätseinbruch |
| 30–40 % | ungesund | hoher Know-how-Verlust, ständiges Einarbeiten neuer Mitarbeitender, massive Mehrbelastung für das verbleibende Team, akuter Handlungsbedarf |
| 40 % und mehr | sehr ungesund | akuter Handlungsbedarf bei Führung, Arbeitsbedingungen oder Prozessen |
Kosten der Fluktuation
Der Cost per Hire für eine ZFA liegt häufig im mittleren vierstelligen Bereich. Bei externen Personalvermittlern können die Kosten bis zu einem halben Jahresgehalt betragen. Allgemein liegen die Rekrutierungskosten für Fachkräfte im Gesundheitswesen bei etwa 7.000 bis 14.000 Euro. Betriebswirtschaftlich ist das erheblich – aber steuerbar.
Fazit
Die Zahnärzteschaft hat alle Voraussetzungen, eine starke, moderne und wirtschaftlich stabile Branche zu sein. Doch sie muss aufhören, in der Vergangenheit zu diskutieren. Der Punktwert von 1988 darf nicht länger der zentrale Fixpunkt standespolitischer Debatten sein. Es ist Zeit, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte aufhören, Patienten ihrer eigenen Politik zu sein. Die Zukunft liegt nicht in Paragraphen, sondern in Prozessen. Sie liegt im Team, nicht im Ministerium und braucht keine Forderungen, sondern schlichtweg gute Führung. Wer sich als Unternehmer versteht – statt als Opfer der Umstände –, hat die Chance, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und gleichzeitig das Image einer ganzen Branche positiv zu verändern.
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