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Zeitsprünge

„Echter“ Zahnersatz aus Menschenzähnen

Am 18. Juni 1815 war endlich die Schlacht bei Waterloo zu Ende und Napoleons Armee durch die britischpreußischen Koalitionstruppen besiegt worden. Diese Schlacht kostete über 50.000 Soldaten das Leben. Leichenfledderer nahmen daraufhin nicht nur Kleidung und Wertsachen an sich, sondern begannen auch mit der „Zahnernte“, was zu jener Zeit nach großen Schlachten durchaus üblich war.

Abb. 3: Ansicht von frontal: Auch die Kauebene wurde gut angelegt; die Gebissfedern scheinen noch in einem sehr guten Zustand zu sein. Andreas Haesler
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Hauptsächlich wurden die oberen Frontzähne und ersten Prämolaren mitgenommen, denn damit konnte man recht gute Geschäfte machen: Vor allem in England war die Nachfrage sehr groß. Dort bezahlte man für eine vollständige obere Frontzahnreihe etwa 25 Guineas, was heute ungefähr 2.500 Euro entspricht. Aus diesen erstellten die Dentisten „echten“ Zahnersatz. Im Volksmund kam schnell der Begriff der „Waterloo-Zähne“ auf – schließlich waren sie schon allein aufgrund ihrer großen Verfügbarkeit bekannt und fanden eine weite Verbreitung. Zahnersatz mit menschlichen Zähnen ist jedoch keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Überlieferungen gehen bis ins Altägyptische Reich 2650 vor Christus zurück. Hier erhielten Pharaonen Ersatz für ihre fehlenden Zähne mittels an Golddrähten befestigten Sklavenzähnen. Die Etrusker benutzten ab ca. 800 vor Christus neben menschlichen Zähnen auch Tierzähne oder Elfenbein. Der wohl berühmteste Träger von Zahnersatz aus Menschenzähnen war viele Jahre später der erste amerikanische Präsident George Washington, dessen Gebiss um 1795 durch seinen Dentisten John Greenwood angefertigt wurde. Der hier abgebildete Zahnersatz aus der Zeit um 1830 hat seinen Träger sicher einige Jahre wohl gut „ernährt“. Dies ist an den Gebrauchsspuren deutlich zu erkennen: Im Übergangsbereich vom unteren 4er bis hin zu den aus Elfenbein geschnitzten Seitenzähnen sind die Abrasionen sehr gleichmäßig (Abb. 1).

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Die Elfenbeinbasen für Ober- und Unterkiefer wurden mit Sicherheit freihändig und ohne Kiefermodelle geschnitzt. Die Passung muss entsprechend schlecht gewesen sein. Der Verbleib des Zahnersatzes im Mund wurde deshalb durch die beidseitigen Gebissfedern garantiert, die zu einem „Verspreizen“ der Prothesen im Mund sorgten (Abb. 2).

Im Bereich von 4 nach 4 wurden Zähne von Menschen verwendet (Abb. 3). In diesem Bereich wurden Bohrungen angebracht und mit Hilfe von gegossenen Stiften aus Silber im Wurzelkanal die Menschenzähne an der Basis befestigt. Leider gibt es keine Berichte über den Komfort und den Nutzen solcher Prothesen. Man kann sich als Zahnarzt und Zahntechniker allerdings sehr gut vorstellen, wie dieser Zahnersatz nach Jahren gerochen haben muss. Diese Art des Zahnersatzes war sehr kostspielig. Umgerechnet in die heutige Zeit müsste er über 10.000 Euro gekostet haben, was sich nur wenige, wirklich reiche Patienten leisten konnten. Tatsächlich gibt es auch noch einige ungenutzte Waterloo-Prothesen, die sich in einigen Sammlungen finden. Auch im Deutschen Dentalmuseum in Tschadraß befinden sich zurzeit etwa 20 solcher Arbeiten.

Abb.1: Deutlich ist der in die Elfenbeinbasis eingearbeitete Silberstift zu erkennen, der der Retention des Zahnes diente.Andreas Haesler
Abb.1: Deutlich ist der in die Elfenbeinbasis eingearbeitete Silberstift zu erkennen, der der Retention des Zahnes diente.
Abb. 2: Ansicht von okklusal: Erkennbar sind schön ausgebildete Zahnbögen; im Bereich der Molaren waren die Kaueinheiten direkt aus Elfenbein geschnitzt.Andreas Haesler
Abb. 2: Ansicht von okklusal: Erkennbar sind schön ausgebildete Zahnbögen; im Bereich der Molaren waren die Kaueinheiten direkt aus Elfenbein geschnitzt.
Abb. 3: Ansicht von frontal: Auch die Kauebene wurde gut angelegt; die Gebissfedern scheinen noch in einem sehr guten Zustand zu sein.Andreas Haesler
Abb. 3: Ansicht von frontal: Auch die Kauebene wurde gut angelegt; die Gebissfedern scheinen noch in einem sehr guten Zustand zu sein.

Autoren: Andreas Haesler und Prof. Dr. Peter Pospiech

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