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Digital vs. Tradition

Spannungsfeld oder möglicherweise doch Harmoniefeld?

Sowohl Zahnmedizin als auch Zahntechnik stehen seit Jahren im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Während bewährte analoge Verfahren nach wie vor für viele Indikationen unverzichtbar sind, drängen digitale Workflows zunehmend in den Alltag von Praxen und Laboren. Doch geht es wirklich um ein „Entweder-oder“? Oder eröffnet uns die intelligente Verbindung beider Welten eine neue Qualität sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Wirtschaftlichkeit unserer Arbeit? Für mich lautet die Antwort klar: Wir brauchen beides. Und genau dafür habe ich ein Wort geprägt, das meinen Ansatz beschreibt: „Tradigitalität“ soll das beste beider Seiten vereinen.

Gebiss Linzen
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Exemplarisch: Die digital gefertigte Totalprothese

Ein eindrückliches Beispiel für den Nutzen digitaler Prozesse ist die Herstellung von Totalprothesen. Im digitalen Workflow zeigt sich zunächst eine deutliche Zeit- und Materialersparnis im Labor, da zahlreiche klassische Arbeitsschritte entfallen.

Traditionell hergestellte Prothesen benötigen während des Herstellungsprozesses eine große Anzahl verschiedener Materialien. Dies bedeutet, dass ein großes Materiallager vorhanden sein muss und es während des Arbeitsprozesses viele Variablen gibt, die das Endergebnis nachhaltig beeinflussen können. Ein weiterer Faktor ist die Zeit. Im Durchschnitt benötigt ein erfahrener Techniker oder eine Technikerin zur Erstellung einer TO/TU mindestens fünf Stunden, wohingegen das digitale Pendant (Abb. 1) in etwa der Hälfte der Arbeitszeit fertiggestellt werden kann. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel und das immer größere Arbeitsaufkommen stellt sich meines Erachtens schon allein aus ökonomischer Sicht nicht mehr die Frage, für welche Variante man sich in diesem Fall entscheiden sollte.

Abb. 1: Oben: aus dem Rondell herausgetrennte Prothese mit Resten der Befestigungsstege; unten: fertig ausgearbeitete und polierte Prothese.Fin GmbH
Abb. 1: Oben: aus dem Rondell herausgetrennte Prothese mit Resten der Befestigungsstege; unten: fertig ausgearbeitete und polierte Prothese.

Auch in der Zahnarztpraxis ergeben sich entscheidende Vorteile durch die digitale Totalprothese: Die Zahl der Behandlungssitzungen reduziert sich erheblich, was gerade für mobilitätseingeschränkte oder pflegebedürftige Patientinnen und Patienten einen spürbaren Gewinn bedeutet.

Derzeit versorge ich in der Totalprothetik ca. 95% der Patientinnen und Patienten mit digital hergestellten Prothesen – und dies in zwei Sitzungen (Abb. 2a und b, Abb. 3a und b).

Abb. 2a: Beispielfall 1 vorherLinzen
Abb. 2a: Beispielfall 1 vorher
Abb. 2b: Nachher (in zwei Sitzungen)Linzen
Abb. 2b: Nachher (in zwei Sitzungen)
Abb. 3a: Beispielfall 2 vorherLinzen
Abb. 3a: Beispielfall 2 vorher
Abb. 3b: Nachher (in zwei Sitzungen)Linzen
Abb. 3b: Nachher (in zwei Sitzungen)

Um das Vorgehen in den dargestellten Fällen kurz zu erläutern: Zunächst wurden die Ränder der bestehenden Prothesen mit einem geeigneten Material (z.B. Kerr Impression Compund Sticks oder Detaseal function) funktionell aufgebaut und anschließend mit einem Feinabformmaterial unterfüttert. Hierfür verwende ich bevorzugt Xantopren (Kulzer). Anschließend werden die Prothesen gescannt und die Kieferrelation digital erfasst. Dafür werden die mit Silikon unterfütterten Alt-Prothesen in den Mund eingesetzt und man lässt den Patienten zubeißen. In dieser Position erfolgt dann der Bite-Scan. Um zusätzliche Informationen zur Gesichtsrelation zu erhalten, erstelle ich für den Zahntechniker oder die Zahntechnikerin ergänzend einen Facescan (Rayface). Die gewonnenen Datensätze werden anschließend an das Labor übermittelt. Nach kurzer Versäuberung der alten Prothesen ist die erste Behandlungssitzung bereits abgeschlossen. In der zweiten Sitzung erfolgt in der Regel bereits die Eingliederung der neu gefertigten Prothesen.

Im Gegensatz dazu sind beim traditionellen Workflow und der rein analogen Arbeit vier bis fünf Termine notwendig, um ein gleichwertiges Ergebnis zu erzielen. Hinzu kommt die werkstoffkundliche Überlegenheit. Industriell vorgefertigte PMMA-Rohlinge, die im Labor gefräst werden, zeichnen sich durch eine hohe Homogenität und Dichte aus. Schrumpfungen oder Verzüge, wie sie im konventionellen Verfahren auftreten, werden dadurch vermieden. Die Passung der gefrästen Prothesen ist optimal, Rand- und Saugfunktionen lassen sich in einer Qualität erzielen, die manuell nur schwer reproduzierbar ist.

Klarer Indikator für bessere Passungen und nahezu keine Druckstellen mehr im Anschluss an die Eingliederung sind besonders wichtige Aspekte, wenn man beispielsweise Neuanfertigungen in Pflegeheimen vornimmt. Die externen Besuche müssen gut geplant werden und je weniger Nacharbeit man hat, desto besser – sowohl für den Zahntechniker als auch Patienten.

Auch die Tatsache, dass in den jeweiligen Softwarelösungen eine Modellanalyse durchgeführt werden kann und die Totale nach einem anerkannten Aufstellkonzept aufgestellt wird, ist überragend. Dies wird bei jeder Eingliederung deutlich.

Die Aufstellung der Totalprothesen erfolgt innerhalb der BDS-Software (Merz Dental) auf Grundlage des von Prof. Gerber abgeleiteten TiF-Konzeptes (Totalprothetik in Funktion) mit lingualisiertem Okklusionsschema, das bei Bedarf patientenindividuell angepasst werden kann. Nach der Konstruktion werden in diesem System die Prothesen aus industriell vorgefertigten PMMA-Rohlingen gefräst, in denen die Prothesenzähne bereits einpolymerisiert sind. Dadurch entstehen sehr homogene, spannungsarme Prothesenbasen mit hoher Passgenauigkeit und dauerhaft stabilem Verbund zwischen Zahn und Basis.

Das Miteinander von alt und neu

Funktionsdiagnostik, ästhetische Individualisierung oder komplexe Kombinationsarbeiten bleiben nach wie vor Domänen, in denen analoge Verfahren ihre Stärke ausspielen. Digitale Verfahren liefern dagegen eine unglaubliche Effizienz, Reproduzierbarkeit und Präzision. Die Zukunft liegt allerdings nicht in der Dominanz einer einzelnen Methode, sondern im geschickten Zusammenführen beider Welten. Diese Synthese ist der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Zahnmedizin.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass Digitalisierung kein revolutionärer, sondern ein evolutionärer Prozess ist. Niemand muss sein Labor oder seine Praxis von heute auf morgen vollständig umstellen. Vielmehr können wir Schritt für Schritt beginnen: Ein Labor kann zunächst in Konstruktionssoftware investieren, ohne sofort eigene Fräs- oder Druckmaschinen anzuschaffen. Eine Praxis kann mit einem Intraoralscanner starten, zunächst für Situationsscans oder Schienen, und sich dann sukzessive an komplexere Indikationen herantasten.

Dieser evolutionäre Charakter der Digitalisierung ist ein Vorteil, weil er uns ermöglicht, mit den vorhandenen Ressourcen einzusteigen und das Tempo individuell zu gestalten. Wichtig ist jedoch, jetzt damit zu beginnen, da man ansonsten abgehängt wird und dem immer größeren Anforderungsprofil nicht mehr gerecht werden kann.

Wirtschaftlichkeit als Damoklesschwert

So sehr wir über Werkstoffe und Technik sprechen – das zentrale Thema bleibt die Wirtschaftlichkeit. In der Zahnarztpraxis belasten Bürokratie, Budgetierung, steigender Kostendruck der Krankenkassen und ein akuter Fachkräftemangel die täglichen Abläufe.

Im zahntechnischen Labor sind es explodierende Energiepreise, zunehmender Personalmangel im Handwerk, steigende Rohstoffkosten sowie die Konkurrenz durch Billigimporte aus dem Ausland. Hinzu kommt in beiden Bereichen der demografische Wandel, der die Situation weiter verschärft: Immer weniger Fachkräfte stehen einer alternden, zunehmend behandlungsintensiven Bevölkerung gegenüber. Wenn wir zukünftig nicht effizienter arbeiten, wird dies unsere Patientinnen und Patienten hart treffen.

Steigende Patientenzahlen und Fachkräftemangel müssen abgepuffert werden – und das gelingt nur mit smarten Lösungen und klaren Konzepten. Genau hier liegt die Stärke der „Tradigitalität“: Sie vereint Wirtschaftlichkeit mit Qualität und stellt eine Antwort auf die größten Herausforderungen unserer Zeit dar.

Kommunikation – oft unterschätzt

Zahnersatz ist kein Einzelprodukt, sondern ein Gemeinschaftswerk zweier Partner: Zahnarztpraxis und Dentallabor. Beide verfolgen dasselbe Ziel: die optimale Versorgung des Patienten und der Patientin. Doch dies ist nur dann erreichbar, wenn eine klare und funktionierende Kommunikationsstruktur besteht.

Kommunikation bedeutet dabei weit mehr als den Austausch von Aufträgen. Sie ist Ausdruck einer Haltung: Praxis und Labor müssen sich als Partner auf Augenhöhe verstehen. Nur wenn ein ehrlicher, konstruktiver Dialog gepflegt wird, entstehen Lösungen, die sowohl wirtschaftlich als auch qualitativ überzeugen.

Die Digitalisierung eröffnet auch hier neue Möglichkeiten. Heute verfügen nahezu alle über ein Smartphone, mit dem sich Informationen, Bilder oder Dokumente in Echtzeit austauschen lassen. Schnell geschossene Fotos aus der Behandlungssituation bringen Zahntechniker näher an Patientinnen und Patienten. Auch wenn solche Fotos nicht die Qualität professioneller Aufnahmen haben, liefern sie wertvolle Informationen zu Farbe, Form oder Charakteristika und verbessern die Versorgung unmittelbar.

Es gibt sichere Messenger-Dienste, mit denen man arbeiten kann, oder cloudbasierte Formate, die alles abdecken, was man für eine gute und schnelle Kommunikation benötigt. Letztere Variante benutzen wir seit einigen Monaten in der Praxis und ich kann sagen, dass dies für uns ein „Gamechanger“ ist. Befunde oder Rückfragen können ohne Zeitverlust übermittelt werden, was Rückrufe und Wartezeiten reduziert und Missverständnisse nahezu ausschließt. Zudem schafft die asynchrone Kommunikation Flexibilität: Auch wenn beide Seiten nicht zeitgleich erreichbar sind, bleiben Informationen dokumentiert und können zeitnah beantwortet werden (Abb. 4).

Zudem nutzen wir einen Facescanner, der die Zusammenarbeit noch einmal auf ein neues Level gehoben hat (Abb. 5a und b). Sowohl die Planung vorab, die Kommunikation mit Patienten und Zahntechnikern als auch die Ergebnisqualität sind hervorragend. Wenn Kommunikation funktioniert, eröffnet sie nahezu grenzenlose Möglichkeiten. Ich arbeite beispielsweise intensiv mit einem Dentallabor zusammen, das über 150 Kilometer von meiner Praxis entfernt ist. Ohne digitale Tools und eine verlässliche Kommunikationsstruktur wäre eine solche Kooperation undenkbar. Es zeigt sich: Entfernung ist kein Hindernis mehr, wenn der Austausch funktioniert.

Abb. 4: Beispielmöglichkeiten zur KommunikationLinzen
Abb. 4: Beispielmöglichkeiten zur Kommunikation
Abb. 5a: Facescan von PatientinLinzen
Abb. 5a: Facescan von Patientin
Abb. 5b: Anprobe gedrucktes Try-in (Teleskopversorgung); leichte Veränderungen wurden noch vorgenommen.Linzen
Abb. 5b: Anprobe gedrucktes Try-in (Teleskopversorgung); leichte Veränderungen
wurden noch vorgenommen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, dass wir näher zusammenrücken. Zahnärzte und Zahntechniker sitzen im selben Boot – und wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass dieses Boot Kurs hält. Die Kombination von analogen mit digitalen Verfahren ist hier mehr als nur eine Strategie, sondern eine Haltung: Zusammenarbeit statt Gegeneinander, Evolution statt Revolution, smarte Lösungen statt starrer Extreme.

Digitaler Nachwuchs

Nicht zu vergessen: Wir benötigen Nachwuchs. Die heute jungen Menschen sind „digital“ groß geworden. Allein diese Tatsache bietet so viel Potenzial und die Chance, sie dort abzuholen, ihnen aufzuzeigen, wie facettenreich unser Beruf ist, und dass wir uns in einem Arbeitsfeld befinden, das sich in einem großen Wandel befindet. Anhand der digitalen Totalprothese zeigt sich, dass digitale Verfahren nicht nur eine Alternative darstellen, sondern in manchen Bereichen bereits den neuen Goldstandard markieren. Gleichzeitig beweist die tägliche Praxis, dass es viele Indikationen gibt, in denen wir analoge Techniken oder eine Kombination beider Welten benötigen.

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Fazit und Ausblick

Die Zukunft von Zahnmedizin und Zahntechnik liegt nicht im Konflikt zwischen digital und traditionell, sondern im Harmoniefeld beider Welten. Wer die Chancen der Digitalisierung erkennt, ohne das Handwerk zu verleugnen, arbeitet smarter, effizienter und bleibt wettbewerbsfähig. Mein Anspruch ist es, diesen Weg aktiv zu gestalten.

Denn genau darin liegt die Basis für eine Zahnmedizin, die hochwertig, wirtschaftlich und patientengerecht zugleich ist. Für mich ist das der Weg zum Erfolg. Digitalisierung ist vielseitig: Sie ist nicht nur das Werkzeug, mit dem wir Arbeiten erstellen, sondern zugleich die Grundlage für eine perfekte Kommunikation und eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Das ist mein Verständnis moderner Zahnmedizin.

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