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Übersichtsarbeit

Gingivale Rezessionen und deren Prävention

In der zahnärztlichen Praxis zählen gingivale Rezessionen zu den häufigsten klinischen Befunden mit unterschiedlicher klinischer Relevanz. Sie sind definiert als Verlagerung des marginalen Gingivarandes apikal zur Schmelz-Zement-Grenze mit konsekutiver Exposition der Wurzeloberfläche. Die vorliegende Übersichtsarbeit verbindet aktuelle wissenschaftliche Evidenz mit klinischer Erfahrung und legt einen besonderen Fokus auf präventive Strategien im Erwachsenenalter.

Gebiss Kasama/AdobeStoc

Gingivale Rezessionen werden in der aktuellen Klassifikation parodontaler und periimplantärer Erkrankungen nicht als Erkrankung definiert, sondern als entwicklungsbedingte oder erworbene Weichgewebsdeformität eingeordnet [8]. Obwohl es sich definitionsgemäß also nicht um eine Pathologie, sondern um einen Zustand handelt, können gingivale Rezessionen funktionelle, biologische und ästhetische Konsequenzen nach sich ziehen. Neben Dentinhypersensibilität und ästhetischer Beeinträchtigung stellen exponierte Wurzeloberflächen ein erhöhtes Risiko für Wurzelkaries, Abrasionen und Erosionen dar. Die Sorge vieler Patientinnen und Patienten, aufgrund einer Rezession einen Zahn zu verlieren, ist hingegen in der Regel meistens unbegründet.

Der Befund „gingivale Rezession“ aus der Patientenperspektive

Gingivale Rezessionen werden von Patienten häufig nicht nur als ästhetisches Problem wahrgenommen, sondern gehen auch mit funktionellen Beschwerden einher. Typisch sind Überempfindlichkeiten der Zahnhälse, Schmerzen bei kalten oder süßen Speisen sowie Unsicherheit beim Zähneputzen aus Angst vor weiterer „Freilegung“. Viele Betroffene berichten zudem über eine Beeinträchtigung ihres Lächelns und ein vermindertes Selbstbewusstsein, insbesondere im Frontzahnbereich. Gleichzeitig besteht oft Unklarheit über Ursachen, Präventionsmöglichkeiten und therapeutische Optionen, was den Bedarf an verständlicher Aufklärung und partizipativer Entscheidungsfindung in der zahnärztlichen Praxis unterstreicht. Aus Patientensicht wird eine gingivale Rezession häufig auch mit der Sorge um eine langfristig beeinträchtigte Prognose des betroffenen Zahnes verbunden. Die Angst vor dem Zahnverlust ist aber in den meisten Fällen unbegründet. Selbst ausgeprägte bukkale Rezessionen führen nicht zwangsläufig zu erhöhter Zahnbeweglichkeit, da die parodontale Verankerung über mesiale, distale und orale Flächen erhalten bleibt (Abb. 1).

Ob eine gingivale Rezession die Prognose eines Zahnes tatsächlich beeinträchtigt, hängt maßgeblich von der Ausprägung und den Begleitumständen ab. Eine nicht progrediente Rezession bei entzündungsfreiem Parodont und schonender, aber effizienter Mundhygiene führt in der Regel zu keiner schlechteren Langzeitprognose des Zahnes. Allerdings sind freiliegende Wurzeloberflächen anfällig für Wurzelkaries und Abrasionen, und Hypersensibilitäten können die Mundhygiene erschweren. Ein dünner Gingivaphänotyp, traumatische Putztechniken oder persistierende Entzündungen können eine Progression begünstigen. Erreicht die Rezession den Apex, kommt es nicht nur zu einer retrograden Infektion der Pulpa, sondern eine Deckung ist nun nicht mehr vorhersagbar möglich.

Praxistipp: Prognose

Eine stabile Rezession bei entzündungsfreiem Parodont und schonender, aber effizienter Mundhygiene verschlechtert die Langzeitprognose eines Zahnes in der Regel nicht. Freiliegende Wurzeloberflächen bleiben jedoch karies- und abrasionsgefährdet; Hypersensibilitäten können die Plaquekontrolle beeinträchtigen. Erreicht die Rezession den Apex, steigt das Risiko einer retrograden Pulpainfektion, und eine vorhersagbare Deckung ist meist nicht mehr möglich.

Definition und Abgrenzung zur Parodontitis-bedingten Wurzelexposition

Eine Rezession liegt vor, wenn der Gingivarand apikal der Schmelz-Zement-Grenze zu liegen kommt. Abzugrenzen sind primär gingivale Rezessionen von Wurzelexpositionen infolge eines Parodontitis-assoziierten Attachmentverlusts. Nach Parodontaltherapie passt sich die Gingiva häufig dem reduzierten knöchernen Niveau an, sodass zirkuläre Wurzeloberflächen exponiert werden. Typisch sind hier Papillenverlust und sogenannte interdentale „schwarze Dreiecke“. Bei primär gingivalen Rezessionen hingegen sind die approximalen Knochen- und Weichgewebsverhältnisse weitestgehend intakt; die Defekte betreffen vor allem bukkale oder linguale Flächen einzelner Zähne (Abb. 2). Für die Prognose und insbesondere für chirurgische Therapieoptionen ist diese Differenzierung essenziell. Die aktuelle Rezessionsklassifikation nach Cairo unterscheidet drei Typen [5,8]:

  1. Rezession Typ 1 (RT1): Zahnfleischrückgang ohne Verlust des interproximalen Attachments. Die interproximale Schmelz-Zementgrenze ist sowohl an der mesialen als auch an der distalen Seite des Zahnes klinisch nicht sichtbar. (Abb. 3a)
  2. Rezession Typ 2 (RT2): Zahnfleischrückgang in Verbindung mit einem Verlust des interproximalen Attachments. Der Verlust des interproximalen Zahnhalteapparats (gemessen von der interproximalen Schmelz-Zementgrenze bis zur Tiefe des interproximalen Sulkus/der interproximalen Tasche) ist geringer oder gleich dem bukkalen Attachmentverlust. (Abb. 3b)
  3. Rezession Typ 3 (RT3): Zahnfleischrückgang in Verbindung mit einem ausgeprägten Verlust des interproximalen Attachments. Der Verlust des interproximalen Zahnhalteapparats (gemessen von der interproximalen Schmelz-Zementgrenze bis zur Tiefe des interproximalen Sulkus/der interproximalen Tasche) ist größer als der bukkale Attachmentverlust. (Abb. 3c)
Abb. 1: Selbst ausgeprägte bukkale Rezessionen führen nicht zwangsläufig zu erhöhter Zahnbeweglichkeit, da die parodontale Verankerung über mesiale, distale und orale Flächen erhalten bleibt. Als Folge einer retrograden Infektion kommt es allerdings meistens zu einer Pulpennekrose.Kapferer-Seebacher
Abb. 1: Selbst ausgeprägte bukkale Rezessionen führen nicht zwangsläufig zu erhöhter Zahnbeweglichkeit, da die parodontale Verankerung über mesiale, distale und orale Flächen erhalten bleibt. Als Folge einer retrograden Infektion kommt es allerdings meistens zu einer Pulpennekrose.
Abb. 2: Von einer Rezession spricht man, wenn der Gingivarand apikal der Schmelz Zement-Grenze liegt. Nach einer Parodontaltherapie passt sich die Gingiva dem verringerten knöchernen Niveau an, wodurch Wurzeloberflächen zirkulär sichtbar werden. Charakteristisch ist hierbei der Verlust der Papillen. Davon zu unterscheiden sind die rein gingivalen Rezessionen; dabei bleiben die approximalen Knochen- und Weichgewebsstrukturen weitgehend erhalten; die Defekte zeigen sich typischerweise an den bukkalen oder lingualen Flächen einzelner Zähne.Kapferer-Seebacher
Abb. 2: Von einer Rezession spricht man, wenn der Gingivarand apikal der Schmelz Zement-Grenze liegt. Nach einer Parodontaltherapie passt sich die Gingiva dem verringerten knöchernen Niveau an, wodurch Wurzeloberflächen zirkulär sichtbar werden. Charakteristisch ist hierbei der Verlust der Papillen. Davon zu unterscheiden sind die rein gingivalen Rezessionen; dabei bleiben die approximalen Knochen- und Weichgewebsstrukturen weitgehend erhalten; die Defekte zeigen sich typischerweise an den bukkalen oder lingualen Flächen einzelner Zähne.
Abb. 3 a-c: Klassifikation gingivaler Rezessionen [8]. a. RT1: Gingivarezession ohne interproximalen Attachmentverlust; interproximale Schmelz-Zement-Grenze klinisch nicht nachweisbar.Kapferer-Seebacher
Abb. 3 a-c: Klassifikation gingivaler Rezessionen [8]. a. RT1: Gingivarezession ohne interproximalen Attachmentverlust; interproximale Schmelz-Zement-Grenze klinisch nicht nachweisbar.
b. RT2: Gingivarezession mit interproximalem Attachmentverlust ≤ bukkalem Attachmentverlust.Kapferer-Seebacher
b. RT2: Gingivarezession mit interproximalem Attachmentverlust ≤ bukkalem Attachmentverlust.
c. RT3: Gingivarezession mit interproximalem Attachmentverlust > bukkalem Attachmentverlust.Kapferer-Seebacher
c. RT3: Gingivarezession mit interproximalem Attachmentverlust > bukkalem Attachmentverlust.

Je geringer der interdentale Attachmentverlust, desto besser ist die Prognose für eine vollständige chirurgische Wurzeldeckung. Neben der Klassifikation beeinflussen auch Rezessionstiefe, Wurzelkonvexität, Gingivadicke und Rauchstatus das Behandlungsergebnis.

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass gingivale Rezessionen in der erwachsenen Bevölkerung außerordentlich häufig sind [12,19]. Bei einem Schwellenwert von Rezessionen ≥ 1 mm liegt die geschätzte globale Prävalenz bei etwa 85% (mit einem 95%-Konfidenzintervall von 75,88% bis 92,15%) [19]. Damit weisen mehr als vier Fünftel der Bevölkerung mindestens eine milde Form der Gingivarezession auf. Auch moderat ausgeprägte Befunde sind weit verbreitet: Für Rezessionen von ≥ 3 mm wird eine Prävalenz von etwa 48,4% (95%-KI: 39,7–57,2%) angegeben, was nahezu der Hälfte der untersuchten Population entspricht [12]. Deutlich seltener, aber klinisch besonders relevant, sind schwere Defekte von ≥ 5 mm, die mit einer Prävalenz von circa 16,2% (95%-KI: 9,1–27,4%) auftreten.

Die Tiefe und Anzahl der Defekte korrelieren signifikant mit steigendem Lebensalter, männlichem Geschlecht, erhöhtem Plaque- und Blutungsindex sowie Tabakkonsum. Rezessionen sind somit als multifaktorielles Geschehen zu verstehen, bei dem anatomische Prädispositionen, Verhaltensfaktoren und iatrogene Einflüsse ineinandergreifen.

Pathogenese: ohne Knochendehiszenz keine gingivale Rezession

Ein zentrales pathogenetisches Prinzip lautet: ohne Knochendehiszenz keine gingivale Rezession. Ein bukkaler oder lingualer Zahnfleischrückgang kann sich nur dann entwickeln, wenn die Wurzeloberfläche nicht vollständig von Alveolarknochen bedeckt ist. Ursachen hierfür liegen in der Zahnstellung und/oder in der Breite der Wurzel in Relation zur Breite der Alveolarknochenspange. Steht ein Zahn mit der Kurvatur seiner Wurzel bukkal oder lingual/palatinal der knöchernen Alveolarknochenspange, ist die bukkale Knochenbedeckung häufig sehr dünn oder fehlt vollständig (Abb. 4). Besonders im Frontzahnbereich des Unterkiefers ist die vestibuläre Knochenlamelle oftmals von Natur aus sehr schmal. Bereits geringe Abweichungen in der Zahnachse oder -position können hier dazu führen, dass die Wurzeloberfläche nur noch von Weichgewebe bedeckt ist. Eine andere Ursache für das Vorliegen von Knochendehsizenzen kann eine ausgeprägte Wurzelkonvexität bei anatomisch dünner Alveolarknochenspange sein (Abb. 5). Knochendehiszenzen können also angeboren vorliegen oder im Laufe des Lebens entstehen, etwa im Zusammenhang mit kieferorthopädischen Zahnbewegungen. Das Vorliegen einer Knochendehiszenz allein führt noch nicht zwangsläufig zur klinisch sichtbaren Rezession. Erst in Kombination mit zusätzlichen Triggerfaktoren – etwa mechanischem Trauma oder entzündlichen Prozessen – kommt es zur apikalen Migration des Gingivarandes. Das Risiko steigt zusätzlich bei einem dünnen parodontalen Phänotyp, da hier sowohl Knochen als auch Gingiva weniger widerstandsfähig gegenüber mechanischen oder entzündlichen Einflüssen sind.

Der parodontale Phänotyp: anatomische Grundlage der Stabilität

Eine dünne, fragile Gingiva reagiert empfindlicher auf mechanische und entzündliche Reize und begünstigt bei vorbestehender Knochendehiszenz die Ausbildung fazialer Defekte. Klinisch lässt sich die Gingivadicke durch die Transparenz einer in den Sulkus eingeführten Parodontalsonde abschätzen: Ist die Sonde sichtbar, liegt in der Regel ein dünner Phänotyp (≤ 1 mm) vor; ist sie nicht sichtbar, handelt es sich um einen dicken Phänotyp (> 1 mm) (Abb. 6a) [8]. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen weiters, dass insbesondere die Breite der keratinisierten Gingiva eine entscheidende Rolle für die Progression unbehandelter Rezessionen und die Stabilität chirurgischer Deckungen spielt [16]. Für eine langfristige Gewebestabilität gelten eine Breite der keratinisierten Gingiva von mindestens 2 mm sowie eine befestigte Gingiva von mindestens 1 mm als günstig (Abb. 6b).

Abb. 4: Knochendehiszenzen gelten als conditio sine qua non für die Entstehung gingivaler Rezessionen. Steht ein Zahn mit der Kurvatur seiner Wurzel bukkal der knöchernen Alveolarknochen-spange, fehlt die bukkale Knochenbedeckung, man spricht von einer Knochendehiszenz. Durch eine kieferorthopädische Behandlung kann die Wurzel in die Alveolarknochenspange repositioniert werden, die Rezession bildet sich zurück.Kapferer-Seebacher
Abb. 4: Knochendehiszenzen gelten als conditio sine qua non für die Entstehung gingivaler Rezessionen. Steht ein Zahn mit der Kurvatur seiner Wurzel bukkal der knöchernen Alveolarknochen-spange, fehlt die bukkale Knochenbedeckung, man spricht von einer Knochendehiszenz. Durch eine kieferorthopädische Behandlung kann die Wurzel in die Alveolarknochenspange repositioniert werden, die Rezession bildet sich zurück.
Abb. 5: Knochendehiszenzen gelten als conditio sine qua non für die Entstehung gingivaler Rezessionen. Bei einer ausgeprägten Wurzelkonvexität im Zusammenhang mit einer anatomisch dünnen Alveolarknochenspange sind die Wurzeloberflächen bukkal und/oder lingual ebenfalls nicht von Knochen bedeckt.Kapferer-Seebacher
Abb. 5: Knochendehiszenzen gelten als conditio sine qua non für die Entstehung gingivaler Rezessionen. Bei einer ausgeprägten Wurzelkonvexität im Zusammenhang mit einer anatomisch dünnen Alveolarknochenspange sind die Wurzeloberflächen bukkal und/oder lingual ebenfalls nicht von Knochen bedeckt.
Abb. 6 a-b: Der gingivale Phänotyp kann auf standardisierte und reproduzierbare Weise beurteilt werden [8]. a. Um die Gingivadicke zu messen, wird eine Parodontalsonde in den Sulkus eingeführt. Scheint die Sonde durch das Gewebe durch, spricht man von einem dünnen Phänotyp (≤1 mm); ist die Sonde nicht sichtbar, handelt es sich um einen dicken Phänotyp (>1 mm).Kapferer-Seebacher
Abb. 6 a-b: Der gingivale Phänotyp kann auf standardisierte und reproduzierbare Weise beurteilt werden [8]. a. Um die Gingivadicke zu messen, wird eine Parodontalsonde in den Sulkus eingeführt. Scheint die Sonde durch das Gewebe durch, spricht man von einem dünnen Phänotyp (≤1 mm); ist die Sonde nicht sichtbar, handelt es sich um einen dicken Phänotyp (>1 mm).
b. Die Breite der keratinisierten Gingiva wird vom Gingivarand zur mukogingivalen Linie gemessen. Eine Mindestbreite von ≥ 2 mm ist mit einer höheren Weichgewebsstabilität und einem geringeren Progressions- bzw. Rezidivrisiko assoziiert [2].Kapferer-Seebacher
b. Die Breite der keratinisierten Gingiva wird vom Gingivarand zur mukogingivalen Linie gemessen. Eine Mindestbreite von ≥ 2 mm ist mit einer höheren Weichgewebsstabilität und einem geringeren Progressions- bzw. Rezidivrisiko assoziiert [2].

In einer anderen systematischen Übersichtsarbeit wurde untersucht, wie sich unbehandelte bukkale Gingivarezessionen über die Zeit entwickeln [2]. Sechs Studien mit 400 Patienten mit einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 8,9 Jahren (5–27 Jahre) wurden eingeschlossen. Meta-analytisch zeigte sich, dass über 78% der Rezessionen im Verlauf progredient waren und fast 80% der Patienten neue Rezessionen entwickelten – auch bei guter Mundhygiene. Als entscheidender Progressionsfaktor erwies sich ein dünnes oder fehlendes keratinisiertes Gewebe. Die Studie weist darauf hin, dass eine Mindestbreite der keratinisierten Gingiva von ≥ 2 mm mit einer höheren Weichgewebsstabilität und einem geringeren Progressions- bzw. Rezidivrisiko assoziiert ist. Für die Praxis bedeutet dies, dass unbehandelte Rezessionen langfristig meist zunehmen und insbesondere bei geringer keratinisierten Gingiva sowie ungünstiger anatomischer Gewebebeschaffenheit eine frühzeitige Risikoabschätzung und gegebenenfalls gingivale Augmentation zur Herstellung von ≥ 2 mm keratinisierten Gingiva in die Therapieplanung einbezogen werden sollte.

Praxistipp: Abwarten oder chirurgisch decken?

Für eine langfristige Gewebestabilität gelten eine Breite der keratinisierten Gingiva von mindestens 2 mm sowie eine befestigte Gingiva von mindestens 1 mm als Voraussetzung. Insbesondere bei geringer keratinisierter Gingiva sowie ungünstiger anatomischer Gewebebeschaffenheit soll eine frühzeitige Risikoabschätzung und gegebenenfalls gingivale Augmentation zur Herstellung von ≥ 2 mm keratinisierter Gingiva in die Therapieplanung einbezogen werden sollte.

Kieferorthopädie: Risiko und therapeutische Chance

Wie oben schon detailliert beschrieben, spielen Knochendehiszenzen eine zentrale Rolle in der Entstehung von gingivalen Rezessionen, sie sind eine conditio sine qua non. Knochendehiszenzen können angeboren vorliegen, sie können jedoch auch erworben sein. Ein typisches Beispiel ist die kieferorthopädische Zahnbewegung: Werden Zähne über die Alveolarknochenspange hinaus nach vestibulär bewegt, kann es zu einer Reduktion oder zum Verlust der bukkalen Knochenbedeckung kommen. Erfolgt die Zahnbewegung hingegen innerhalb der alveolären Begrenzung und unter Berücksichtigung des parodontalen Phänotyps, ist das Risiko deutlich geringer [1]. Besonders kritisch ist die Proklination von Frontzähnen bei dünnem parodontalem Phänotyp. Kieferorthopädische Maßnahmen stehen somit in einem komplexen Zusammenhang mit gingivalen Rezessionen (Abb. 4). Prospektive Untersuchungen zeigen, dass nach Abschluss einer kieferorthopädischen Behandlung die Prävalenz labialer Rezessionen im Verlauf von zwei bis fünf Jahren deutlich zunimmt [15]. Während in dieser Studie unmittelbar nach Behandlungsende nur ein geringer Anteil (7%) der Patienten Rezessionen aufwiesen, stieg dieser Anteil im Langzeitverlauf fünf Jahre nach kieferorthopädischer Behandlung signifikant auf 38% an [15]. Diese Daten kann man so interpretieren, dass während der kieferorthopädischen Therapie die Knochendehisenz entsteht, es aber erst bei zusätzlichen Triggerfaktoren durch mechanisches Trauma oder entzündliche Prozesse zur apikalen Migration des Gingivarandes kommt. Umgekehrt kann eine gezielte orthodontische Repositionierung von Wurzeln in den Alveolarkamm hinein zu einer Reduktion bestehender Rezessionen führen, sofern die Indikation sorgfältig gestellt wird. In einer prospektiven klinischen Studie wurde untersucht, welchen Einfluss eine gezielte kieferorthopädische Wurzelbewegung auf bestehende Gingivarezessionen hat [11]. Eingeschlossen wurden zwölf erwachsene Patienten mit jeweils einem Unterkiefer-Schneidezahn, der einen bukkalen Zahnfleischrückgang von 2 bis 7 mm aufwies und dessen Wurzel außerhalb der alveolären Knochenhülle positioniert war. Mithilfe einer segmentierten, zielgerichteten Apparatur wurden die betroffenen Wurzeln kontrolliert in Richtung der Mitte des Alveolarfortsatzes bewegt. Nach der kieferorthopädischen Therapie zeigten alle Patienten eine Reduktion der Rezessionsausdehnung, ohne dass es zu einer Zunahme der Taschentiefe kam. Im Mittel verringerte sich die Rezessionstiefe um 23%, die Breite um 38% und die Rezessionsfläche um 63% im Vergleich zum Ausgangsbefund. Zudem verbesserte sich bei allen Fällen die Miller-Klassifikation von Klasse III oder IV auf Klasse I oder II. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Repositionierung der Wurzel in die Mitte der alveolären Knochenhülle zu einer konsistenten Verringerung von Gingivarezessionen führt [11]. Gleichzeitig deutet die verbesserte Klassifikation auf günstigere Voraussetzungen für eine vollständige Wurzeldeckung im Rahmen einer mukogingivalchirurgischen Therapie hin.

Praxistipp: Kieferorthopädische Überlegungen

Vor kieferorthopädischer Proklination muss insbesondere bei dünnem parodontalem Phänotyp das Risiko für die Bildung bukkaler Knochendehiszenzen kritisch geprüft werden, da Zahnpositionen außerhalb der Alveolarknochenspange das Rezessionsrisiko deutlich erhöhen. Umgekehrt kann bei bereits bestehender gingivaler Rezession eine gezielte orthodontische Repositionierung der Wurzel zurück in den Alveolarkamm die Rezession reduzieren und die Prognose für eine spätere mukogingivalchirurgische Deckung deutlich verbessern.

Mechanische Faktoren: Zahnputztrauma und Mund-Hygiene

Neben den Knochendehiszenzen und dem gingivalen Phänotyp spielen mechanische Faktoren eine zentrale Rolle als Auslöser des Gingivarückgangs. Das Zahnputztrauma ist hierbei seit Jahrzehnten Gegenstand kontroverser Diskussionen. Untersucht wurden unter anderem Putzfrequenz, Putzdauer, Anpressdruck, Borstenhärte und Technik. Prinzipiell kann aus der wissenschaftlichen Literatur abgeleitet werden, dass gingivale Rezessionen eher durch falsche Technik und zu hohen Druck auf ein anatomisch gefährdetes Parodont als durch zu langes und zu häufiges Putzen entstehen. Viele Studien berichten diesbezüglich über häufigere und tiefere Rezessionen bei Anwendung einer horizontalen Schrubbtechnik [3,4,17] (Abb. 7).

Demgegenüber zeigen systematische Übersichtsarbeiten, dass oszillierend-rotierende elektrische Zahnbürsten weder für Hart- noch für Weichgewebe eine klinisch relevante Gefahr darstellen [18]. Im Gegenteil konnte eine signifikant höhere Plaqueentfernung im Vergleich zur Handzahnbürste nachgewiesen werden. Prospektive Studien an Patienten mit bestehenden Rezessionen belegen wiederum, dass sich bei konsequenter Plaquekontrolle die Rezessionstiefe nach sechs bis zwölf Monaten um mehr als 0,5 mm reduzieren kann, unabhängig davon, ob mit einer Handzahnbürste, einer rotierend-osziliierenden elektrischen Bürste oder einer Schallzahnbürste geputzt wurde [6,13]. Elektrische Zahnbürsten können sogar dabei unterstützen, eine traumatisierende „Schrubbtechnik“ durch eine schonende, instruktionsbasierte Putztechnik zu ersetzen. Insbesondere Modelle mit integriertem Drucksensor sind für Patienten mit erhöhtem Rezessionsrisiko empfehlenswert, da sie nachweislich zu einer deutlichen Reduktion des ausgeübten Anpressdrucks führen: Bereits nach 30 Tagen Anwendung sank dieser um bis zu 88,5% [7].Die Einbüschelbürste eignet sich als sinnvolle Ergänzung bei gingivalen Rezessionen, insbesondere bei Patienten, die aus Sorge vor weiterem Zahnfleischrückgang freiliegende Wurzeloberflächen nicht ausreichend reinigen. Sie ermöglicht eine gezielte, atraumatische Säuberung exponierter Wurzelareale. Zusätzlich können Fluorid- und/oder Chlorhexidingele gezielt eingebürstet werden, um das Kariesrisiko zu reduzieren und die Plaquekontrolle zu unterstützen.

Praxistipp: Mundhygieneinstruktion

Für die Prävention gingivaler Rezessionen ist weniger die Dauer oder Häufigkeit der Zahnreinigung entscheidend, sondern vielmehr eine sanfte und dennoch effektive Putztechnik mit minimalem Anpressdruck – insbesondere bei Patienten mit dünnem gingivalem Phänotyp. Die horizontale Schrubbtechnik muss abtrainiert werden. Instruieren Sie stattdessen eine kontrollierte, druckarme Putztechnik; elektrische Zahnbürsten mit Drucksensor können Patienten dabei effektiv unterstützen. Einbüschelbürsten sind eine sinnvolle Ergänzung, speziell, wenn die exponierte Wurzeloberfläche unzureichend gereinigt wird.

Orale Piercings und restaurative Faktoren

Orale Piercings stellen einen relevanten Risikofaktor für gingivale Rezessionen dar. Durch chronische mechanische Irritation von Gingiva und marginalem Parodont können lokale Weichgewebsrezessionen, Attachmentverlust und keilförmige Defekte entstehen. Bei medianen Unterlippenpiercings betrifft dies 68% der Patienten [9]. Es kommt zu bukkalen Rezessionen an den Unterkieferschneidezähnen, da der intraorale Verschluss des Piercings in direktem Kontakt mit dem Margo gingivae steht (Abb. 8). Bei Zungenpiericings sind die Unterkieferschneidezähne in 23% der Fälle lingual betroffen [10]. Das Risiko steigt mit Tragedauer, Schmucklänge und -material sowie bei habituellem „Spielen“ mit dem Schmuck. Eine gezielte Aufklärung über potenzielle Langzeitfolgen sowie regelmäßige klinische Kontrollen sind daher essenziell. Insuffiziente Restaurationsränder wirken als Plaqueretentionsstellen. In Kombination mit dünner Gingiva begünstigen sie über entzündliche Mechanismen die Ausbildung fazialer Rezessionen.

Abb. 7: Wichtiger als die Wahl der Zahnbürste ist die richtige Putztechnik. Putzdefekte in der Unterkieferfront bei einer Patientin, die 15 Jahre lang eine Schallzahnbürste mit Schrubbtechnik und hohem Putzdruck verwendete.Kapferer-Seebacher
Abb. 7: Wichtiger als die Wahl der Zahnbürste ist die richtige Putztechnik. Putzdefekte in der Unterkieferfront bei einer Patientin, die 15 Jahre lang eine Schallzahnbürste mit Schrubbtechnik und hohem Putzdruck verwendete.
Abb. 8: Risiko gingivaler Rezessionen bei Lippenpiercings. Wenn speziell bei medianen Lippenpiercings der intraorale Verschluss auf Höhe des Margo gingivae liegt, ist das Risiko für Gingivarezessionen hoch.Kapferer-Seebacher
Abb. 8: Risiko gingivaler Rezessionen bei Lippenpiercings. Wenn speziell bei medianen Lippenpiercings der intraorale Verschluss auf Höhe des Margo gingivae liegt, ist das Risiko für Gingivarezessionen hoch.
Abb. 9 a-c: Chirurgische Rezessionsdeckung mit Bindegewebstranplantat. a. Bindegewebsentnahme vom Gaumen,Kapferer-Seebacher
Abb. 9 a-c: Chirurgische Rezessionsdeckung mit Bindegewebstranplantat. a. Bindegewebsentnahme vom Gaumen,
b. Einbringen des Transplantats in den vorpräparierten Tunnel,Kapferer-Seebacher
b. Einbringen des Transplantats in den vorpräparierten Tunnel,
c. Wundverschluss.Kapferer-Seebacher
c. Wundverschluss.

Nicht chirurgische Interventionen: professionelle Betreuung und Verhaltensänderung

Die Prävention der Progression von gingivalen Rezessionen basiert auf der systematischen Identifikation und Modifikation individueller Risikofaktoren. Zusammengefasst sind das:

  • Beurteilung der Zahnposition in Relation zum Kieferkamm und gegebenenfalls, wenn sinnvoll, kieferorthopädische Repositionierung
  • Entfernung von mechanischen Irritationen wie zum Beispiel oralen Piercings und plaque-akkumulierenden Restaurationsrändern
  • Kontrolle okklusaler Interferenzen
  • Instruktion in eine schonende, aber effiziente häusliche Mundhygiene; gegebenenfalls Anwendung von desensibilisierenden Zahnpasten/Wirkstoffen
  • Messung der Breite der keratinisierten Gingiva und Beurteilung des gingivalen Phänotyps

Zur Kontrolle der Progression sollen Gipsmodelle oder Scans angefertigt werden. Auf einem nicht-skalierten Foto ist die Tiefe der Rezession nicht messbar und daher eine eventuelle Progression nicht mit Sicherheit bestimmbar. Professionelle mechanische Zahnreinigungen in Kombination mit strukturierter Mundhygieneinstruktion führt langfristig zu einer signifikanten Reduktion von Plaque- und Blutungsindex [14]. Ohne begleitende Instruktion bleibt der Effekt deutlich geringer [14]. Für eine nachhaltige Verhaltensänderung ist es daher essenziell, Patienten aktiv einzubinden. Praktisch bewährt haben sich wiederholte kurze, präzise Instruktionen, visuelle Demonstrationen und das eigenständige Üben vor dem Spiegel. Die aktive Zusammenfassung durch den Patienten am Ende der Behandlung erhöht die Lernwirksamkeit zusätzlich.

Chirurgische Therapie: Indikation und Langzeitstabilität

Nicht jede gingivale Rezession erfordert eine chirurgische Intervention. Die Indikation ergibt sich aus dem ästhetischen Patientenwunsch, funktionellen Beschwerden (z.B. Hypersensibilität), einer dokumentierten Progression sowie einer unzureichenden Breite keratinisierter Gingiva. Auch die morphologischen Voraussetzungen – Rezessionstiefe, interdentale Gewebeverhältnisse, Gingivaphänotyp – beeinflussen die Therapiewahl und Prognose. Langzeitstudien zeigen, dass koronale Verschiebelappen in Kombination mit einem subepithelialen Bindegewebstransplantat hinsichtlich vollständiger Wurzeldeckung, Gewebedicke und Stabilität anderen Verfahren und Ersatzmaterialien überlegen sind [16] (Abb. 9a bis c). Eine keratinisierte Gingivabreite von > 2 mm sowie eine ausreichende Gewebedicke gelten als günstige Faktoren für die langfristige Stabilität [16]. Gleichzeitig verdeutlichen Langzeitdaten, dass eine persistierende traumatische Putztechnik oder unbehandelte ätiologische Faktoren selbst nach initial erfolgreicher Deckung zu einem Rezidiv führen können. Die chirurgische Therapie stellt daher keine isolierte Lösung dar, sondern muss stets in ein präventionsorientiertes Gesamtkonzept mit individueller Mundhygieneinstruktion und strukturiertem Recall eingebettet sein.

Fazit

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Gingivale Rezessionen bei Erwachsenen sind Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels aus anatomischer Prädisposition, parodontalem Phänotyp, kieferorthopädischen Einflüssen, mechanischen Traumata und entzündlichen Prozessen. In vielen Fällen stellt die Stabilisierung ohne Progression in Kombination mit Karies- und Abrasionsprophylaxe ein realistisches und erfolgreiches Therapieziel dar. Eine individualisierte, evidenzbasierte Betreuung bleibt der Schlüssel zu langfristig stabilen parodontalen Verhältnissen und hoher Patientenzufriedenheit.

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